Die Niederlande ringen um ihre offene Bürgergesellschaft. Jahrhunderte lang galt die holländische Demokratie als Vorbild für freiheitliches und tolerantes Zusammenleben. Doch im November 2004 fiel der Filmemacher Theo van Gogh in Amsterdam einem islamistischen Anschlag zum Opfer. Seither eskaliert die Debatte um die innere Sicherheit, die schon nach der Ermordung Pim Fortuyns intensiv geführt wurde. Sicherheit ist in den Augen vieler Bürger zur wichtigsten Voraussetzung von Freiheit geworden. Angesichts einer gescheiterten Integrationspolitik, wachsender Kriminalität und einer zunehmenden Verwahrlosung der Städte zweifeln viele Niederländer an ihren alten Werten. Sie fordern Repression statt Toleranz, weniger Rechte für den Einzelnen und mehr Gewalt für den Staat. Wissenschaftler halten dagegen, dass die tatsächliche Lage weniger bedrohlich ist, als viele Menschen glauben. Die Schere von subjektiver Wahrnehmung und objektiven Daten geht auseinander. So entsteht ein Konflikt, der die Gesellschaft vor eine neue Zerreißprobe stellt.
Aufschlussreich findet Ulrike Herrmann dieses Buch von Karsten Polke-Majewski über das zunehmend repressive Klima in den Niederlanden. Der Autor zeige, dass die in den Niederlanden herrschende Angst und das Bedürfnis nach Sicherheit in keinem rationalen Verhältnis zur tatsächlichen Kriminalität stehen. Im Blick auf Gewaltdelikte mache Polke-Majewski etwa darauf aufmerksam, dass früher nur körperliche Angriffe als Gewalt galten, während heute auch verbale Bedrohungen als Gewalt geahndet werden - ein Umstand, der sich natürlich auch in der Statistik bemerkbar macht. Das habe zu einem "politisch-publizistischer Verstärkerkreislauf" geführt: Videokameras auf Plätzen, Polizisten auf Streife und Razzien auf der Straße sollten für "sichtbare Sicherheit" sorgen. Mit paradoxen Folgen: "Die Bürger", berichtet Herrmann, "kamen zu dem Schluss, dass ihre Gegend wirklich sehr gefährlich sein muss, um diesen Aufwand zu rechtfertigen". Besondere Verdachtspersonen seien nun die Ausländer, ein Gefühl der Entfremdung und Enteignung mache sich breit. Polke-Majewski diagnostiziert gar eine "grundlegende Krise der Bürgergesellschaft".
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