Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern kennen die Niederlande im 20. Jahrhundert keine tiefen politischen Zäsuren und radikalen Massenbewegungen. Bis weit in die 1960er Jahre hinein waren die Niederlande ein Land mit vielen Minderheiten, die stark isoliert von einander innerhalb des eigenen politisch-gesellschaftlichen Milieus lebten. In dieser"versäulten"Gesellschaft bestimmte eine kleine politische Elite die Politik, und das Land zeichnete sich durch Kontinuität und Stabilität aus. Und doch gab es entscheidende innen- und außenpolitische Veränderungen und einen grundlegenden Wandel der Gesellschaftsstruktur. Fast geräuschlos wurde 1917 das allgemeine Wahlrecht eingeführt, und in der Zwischenkriegszeit modernisierte sich das Land. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem neutralen Beobachter in der internationalen Politik ein aktiver Partner im Europäischen Integrationsprozess und in der NATO. Ohne große gesellschaftliche Konflikte entwickelte sich seit den 1960er Jahren eine permissive Gesellschaft und eine Partizipationsdemokratie mit mündigen Bürgern. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts zeigen sich allerdings tiefere Bruchlinien mit großen politischen Schwankungen und Anfälligkeiten für populistisches Gedankengut. Dieses Buch bietet eine Übersichtsdarstellung der innen- und außenpolitischen Entwicklung der Niederlande vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart und liefert damit die historische Basis zum Verstehen der modernen Niederlande.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2008
Als informative Darstellung der Niederlande im 20. Jahrhundert kann Rezensent Rolf Steininger dieses Buch von Friso Wielenga empfehlen, zumal es in seiner Art das einzige ist, und der Rezensent das durchschnittliche Wissen der Deutschen über die Niederlande nicht sonderlich hoch veranschlägt (Tulpen, Fußball, Königin). Da stört es ihn auch nicht, dass die Geschichte recht trocken geschrieben ist und der Autor offenbar zu einem gewissen Jargon neigt. Steininger selbst hat diesem Band aber offenbar nicht viel Neues entnommen. Die Niederlande werden hier vor allem Land des Pragmatismus und als Säulenmodell dargestellt, dessen Widerstand gegen die Nazi-Besatzer nicht ganz so tapfer ausgefallen ist, wie sich das die Niederländer im Rückblick gewünscht hätten. Die jüngeren Erschütterung des Landes durch die Morde an Pim Fortuyn und Theo van Gogh finden auch ihren Niederschlag.
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