Herausgegeben von Friedhelm Lach. Mit Abbildungen. Kurt Schwitters? Bühnenoeuvre kennenzulernen heißt, die faszinierende Entwicklung zum modernen Theater mitzuerleben - von den dadaistischen Happenings bis hin zu existentiellen Stücken, die allerdings die Ausweglosigkeit eines Sartre verwerfen. Dass Kurt Schwitters die Bühne in seinem alles umfassenden "Merzsystem" schwerlich auslassen konnte, kann nicht überraschen. Am Beginn steht für ihn die Erfahrung des dadaistischen "Kabarettisten", der mit seinem sensitivem Publikum orgiastische "Minihappenings" unter Eingeweihten veranstaltet - wichtig ist die Zertrümmerung der gewohnten Zusammenhänge. Ab 1924 folgt die Entwicklung einer "Normalbühnen-Theorie", die den Theaterbesucher wieder in seine Zuschauerrolle zurückversetzt, um die künstlerische Raffinesse zu genießen. Schwitters folgt zwar nach wie vor seinen Ideen des Grotesken, indem er Tiere in Menschen verwandelt, leblose Gegenstände belebt und das ganze Spektrum der Sprache in ungewohnter Gemengelage darbietet, aber er stellt sich auch auf das zeitgenössische Publikum ein und schreibt Schlager- und Revuetexte. Im Exil musste er sich darauf beschränken, seine "Vermerzung" im Rahmen des Illusionstheaters voranzutreiben, aber seine Stücke bleiben mutige Kampfansagen gegen jede Art von Besessenheit und Absolutheitswahn.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2006
Ob diese fünf "schön aufgemachten" Taschenbuchbände, die das gesamte literarische Werk von Kurt Schwitters versammeln, einen Schub in der Beschäftigung mit Schwitters auslösen werden? Rezensent Helmuth Kiesel hofft es. Denn neben den berühmten "Glanzstücken" wie Anna Blume oder das i-Gedicht, biete diese Ausgabe auch weniger bekannte Texte, die die Lektüre durchaus lohnen, so der Rezensent. Dazu zählt er etwa die zahlreichen Märchen, die Bühnentexte und die "Tran"-Texte, in denen Schwitters den "außergewöhnlichen Schafssinn" seiner Kritiker aufs Korn nahm. Die erneute Beschäftigung mit Schwitters könnte außerdem eine "qualifizierende Beschreibung" der Entwicklung des Dichters anregen und die Frage klären helfen, welche Bedeutung seinem Werk insgesamt zukommt. Friedhelm Lach behauptet in seinem Vorwort, es gebe eine qualitative Steigerung im Schaffen Schwitters. Für Kiesel dagegen hat Schwitters ab Mitte der zwanziger Jahre nur noch wenig Bemerkenswertes geschaffen.
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