Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Die junge Lastotschka ist hart im Nehmen. Voller Zielstrebigkeit und mit festem Willen hat sie sich hochgearbeitet, von der Flaschensammlerin zur Chefärztin. Doch ihre von Armut geprägte Kindheit im Moldawien der Achtziger- und Neunzigerjahre verfolgt sie immer noch. Warum musste sie so viele Jahre im Waisenhaus zubringen? Warum hat ihre ruppige Ziehmutter Tamara sie schließlich zu sich geholt und zum Flaschensammeln mitgenommen? Und was ist aus den Frauen in ihrer damaligen Nachbarschaft geworden, ohne die Lastotschka nicht die wäre, die sie heute ist? Gemeinsam mit der Erzählerin kehren wir zurück in den Hof ihrer Kindheit und zum schmerzhaften Aufwachsen in einem System, in dem Menschlichkeit nicht vorgesehen ist.
Rezensentin Katharina Teutsch dringt vor in eine Welt aus Armut und Gewalt mit dem neuen Roman von Tatiana Tibuleac. Anhand des Waisenkindes Lastotschka erzählt die moldawisch-rumänische Schriftstellerin, wie aus vielen Verlierern der Sowjet-Ära Verlierer des Postsowjetismus wurden. Lastotschka wächst zunächst bei ihrer Ziehmutter Tamara Pawlowna auf, die sie eher als "Arbeitssklavin" behandelt: Auf den Straßen von Chisinau ließ sich mit dem Sammeln von Flaschen vor der Wende noch Geld verdienen, erfahren wir. In der postsowjetischen Ära sind auch die Flaschen wertlos, die Ärmsten der Armen haben nun gar kein Auskommen mehr. Die Lebensnähe, mit der Tibuleac die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zeichnet, lassen Teutsch über das ein oder andere etwas "dick aufgetragene" Motiv hinwegsehen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 09.08.2023
Zunächst einmal hebt Judith von Sternburg Ernest Wichners Übersetzung hervor, die die Poesie und das "fatalistische Drauflos" in Tatiana Tibuleacs neuem Roman so exzellent ins Deutsche überträgt, wie die Kritikerin lobt. Hymnisch fährt sie fort: Erzählt wird die Geschichte von Lastotschka, die im Chisinau der Achtziger zunächst im Waisenhaus aufwächst, wo sie zwischen Folter und Vergewaltigung wählen darf und schließlich gegen Geld an eine gewisse Tamara Pawlowna vermittelt wird, die sie drillt, schlägt und ausbeutet. Auch später wird Lastotschkas Leben nicht besser: Sie studiert Medizin, bekommt eine schwerbehinderte Tochter, während im Hintergrund die Katastrophe von Tschernobyl, Glasnost und Perestroika oder Gorbatschows Antialkoholkampagne die Menschen in Chisinau in Bedrängnis bringen. Lastotschkas Leben wird enden, in dem sie sich einen Lebenstraum erfüllt: Sie kauft sich einen "ganzen Schoß voller Kekse", den sie unter Tränen isst, resümiert die Rezensentin. Tibuleacs Meisterschaft liegt laut Sternburg vor allem darin, dass sie die bedrückende Geschichte von einer klugen, "selbstironischen", mitunter "kühlen" Stimme erzählen lässt. Und so kann sie guten Gewissens auch ein dem Leben zugewandtes Buch empfehlen.
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