Im Wintersemester 1963/64 hält Theodor W. Adorno an der Frankfurter Universität eine Vorlesung, die zum Glutkern seiner Philosophie führt: der Theorie der Dialektik. In intensiver Auseinandersetzung insbesondere mit Hegel und Marx profiliert er in Fragen der Dialektik seine eigene Konzeption von dialektischer Philosophie als einer radikal nonkonformistischen Denkbewegung, die sich nicht "automatisch einschnappenden Reaktionen" überlässt. Beim Versuch, zu begreifen, was sich dem Begriff entzieht, wählt die Dialektik, so wie Adorno sie versteht, nicht den bequemen Mittelweg, sondern den energischen Widerspruch, den Gang durch die Extreme "der Sache selbst". Das erlaubt den Blick hinter die Fassade der gesellschaftlichen Wirklichkeit und markiert zugleich den "Weg ins Freie".Fragen der Dialektik komplettiert die Reihe der drei Vorlesungen, in denen sich Adorno diesem für ihn so zentralen Thema explizit widmete. 1966 wird er es dann in seinem philosophischen Hauptwerk Negative Dialektik vollends entfalten, zu dessen Verständnis diese nun erstmals vollständig edierte Vorlesung beizutragen vermag. Sie wird ergänzt durch die "Stichworte", anhand deren Adorno seine Vorlesung frei sprechend hielt, sowie einen ausführlichen Anmerkungsteil, der die zahlreichen Bezugnahmen auf Ereignisse, Personen und Texte nachvollziehbar macht.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.07.2022
Rezensent Stefan Müller-Doohm kennt Adornos Schriften en détail. Dennoch stürzt er sich mit Freude auf diesen Band mit Vorlesungen aus dem Wintersemester 1963/64, in denen Adorno seine Zuhörerschaft bei der Entwicklung seiner Gedanken teilhaben lässt. Als Schriftsteller ging es Adorno um Präzision und Finesse, als Vortragendem geht es ihm eher um Verständlichkeit, stellt Müller-Doohm fest, der hier noch einmal Fixpunkte in Adornos Denken aufgegriffen sieht, die immanente Kritik an Hegel und Marx oder die Konzeption von Dialektik. Für Müller-Doohm ein hilfreich geführter Gang durch "die Eiswüste der Abstraktion".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2022
Rezensent Patrick Eiden-Offe lernt in den Vorlesungen, deren letzter Band nun vorliegt, einen Adorno kennen und lieben, der jenseits des "Jargons der Dialektik" offene Bekenntnisse abgibt (zu Lukacs), anregend und einspruchsbereit extemporiert und sogar volkstümlich wird. Ein Glücksfall, findet er, zumal die Anmerkungen den Leser mit Hintergrundinfos versorgt. Adornos "joviales Parlando" zu Hegel und Marx macht dem Rezensenten sichtlich Freude. Umso bedauerlicher findet er es, dass der freie Vortrag an einer Stelle plötzlich abbricht und Adorno seinen Text abliest. Eine zweite Enttäuschung ist für ihn das Fehlen dreier Sitzungen zu Marx. Hier streikte wohl das Tonbandgerät, erklärt der Rezensent.
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