Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Horst Brunner. Von Walther von der Vogelweide als dem größten Lyriker vor Goethe zu sprechen ist nicht falsch. (Es gibt auch Leute, die ihn gern mit Paul McCartney vergleichen würden.) Aber den Lyrikliebhabern ist Walther in der Zwischenzeit verloren gegangen, man erinnert sich allenfalls dunkel an "Ich saz uf eime steine", vielleicht schon nicht mehr an "Owe war sint verswunden alle mine jar". Denkt noch jemand daran, was "Under der linden" geschah? Unter den Linden würde es zum Skandal. Diese Auswahl von Walthers besten Liebesliedern sowie seinen politischen, zeitkritischen und satirischen Gedichten will der Erinnerung aufhelfen, und zwar mit nach den Handschriften neu edierten Texten, neuen Übersetzungen und knappen, das Verständnis erleichternden Kommentaren. Leichter ist es noch nie gewesen, Walther kennenzulernen. Tanderadei!
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2013
Mit einer großzügigen Rezension würdigt Jan Wagner die von Horst Brunner neu übersetzte und kommentierte Prosaübersetzung der mittelhochdeutschen Gedichte des Walther von der Vogelweide. Der Kritiker ist äußerst begeistert von der auf Grundlage der Handschrift edierten Auswahl von achtzig Strophen, die ihn an jene vertrauten, amüsanten und liebevollen Gedichte aus Kinder- und Jugendtagen erinnern. Auch mit dem von Brunner gewählten Mittelweg einer Übersetzung, die "sprachlich ansprechend" den Rhythmus wiedergibt, insbesondere aber prosaisch genau sein will, ist Wagner durchaus zufrieden, obgleich er feststellen muss, dass manch allzu bemühtes Konstrukt den "Reichtum seiner Sprache" in der Übersetzung verliert. Vor allem im Vergleich zu den teilweise recht kühnen Übertragungen Peter Rühmkorfs oder Thomas Klings fällt dem Rezensenten auf, dass Brunners Version ab und an das Walther'sche Reimschema verletzt. Nicht zuletzt dank des reichhaltigen Kommentarteils hat der Kritiker diese Ausgabe aber mit Gewinn gelesen.
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