Wo wir nicht sind

Arbeits-Ich und Ich-Ich

Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Benita Berthmann
19.11.2025. Arbeiten - für was, für wen, warum? Diese Fragen stellt sich die Protagonistin in Kikuko Tsumuras Roman "Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen". Sie versucht mit einer Reihe von Low-effort-Jobs, die sie alle nach kurzer Zeit wieder kündigt, eine Art Balance im Leben zu finden. Ein Buch, das gut in die Debatten um Gen Z und Leistung, Identität und Selbstfindung passt.
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In ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Roman legt die japanische Autorin Kikuko Tsumura die Absurdität des Arbeitseifers der neoliberalen Schneller-Höher-Weiter-Gesellschaft frei. Ihre Protagonistin zieht nach 14 Jahren in einem sozialen Beruf die Reißleine, sie hat einen Burnout, keine Lust mehr, sich knechten zu lassen und sucht mit ihrer Vermittlerin vom Arbeitsamt eine Reihe von Low-effort-Jobs, die sie alle nach kurzer Zeit wieder kündigt.

All diese Jobs, in die die Autorin ihre Protagonistin eintauchen lässt, haben ein Element des Surrealen, Überraschenden und auf seltsame Weise menschenfreundlich Witzigen, das Katja Busson in ihrer Übersetzung aus dem Japanischen in ein charmantes, leichtgängiges Deutsch übertragen hat.

Der erste Job, den sie von ihrer Fallmanagerin Frau Masakado vermittelt bekommt, besteht darin, für eine Observationsfirma die Bänder einer Überwachungskamera auszuwerten. Das Zielobjekt ist eine reichlich monoton lebende Freelance-Autorin, in deren Wohnung "Schmugglerware" vermutet wird, ohne dass sie es weiß. Die Protagonistin und Erzählerin sitzt in der Firma ihre Stunden ab, schaut auf zwei Bildschirmen gleichzeitig Überwachungsvideos und kommt zu dem Schluss: "Einen so zeitintensiven und gleichzeitig arbeitsarmen Job wie den, eine alleinstehende Autorin im Homeoffice zu observieren, gibt's kein zweites Mal auf der Welt." Trotzdem schafft es Tsumura, der Montonie des Arbeitsalltags eine spannende Geschichte entgegenzusetzen, die nicht nur die Protagonistin zur Selbstreflexion anregt, sondern auch die Leserinnen. Über weite Strecken des Buches habe ich sie für eine typische Vertreterin der Gen Z gehalten, der auch ich angehöre, sie ist sich "selbst nicht sicher, ob ich eigentlich arbeiten wollte oder nicht". Sie versucht, sich irgendwie in den Bedingungen einer durchglobalisierten Welt zurechtzufinden, in der es - Kapitalismus sei Dank - auch schon fast egal ist, ob man in Japan die Zeit rumkriegen und Geld verdienen muss, in Italien oder in Deutschland. Die Bedingungen lassen überall gleich wenig Raum, etwas wirklich Sinnstiftendes, Erfüllendes zu machen und unabhängig von Geldfragen zu leben.

Sie ist dann doch etwas älter, überraschenderweise, weil ihr Buch so gut in die Debatten um Gen Z und Leistung, Identität und Selbstfindung und in die diese Debatten aufgreifende (ostasiatische) Literatur passt; der Titel erinnert auch sicher nicht zufällig an den großen Erfolg "Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch" der vor kurzem verstorbenen Koreanerin Baek Se-hee.

Die namenlose Protagonistin bewegt sich zwischen Burn- und Bore-out, denn wirklich erfüllend ist der Job (zumindest zunächst) nicht. Von ihren Kolleginnen und Kollegen bekommt sie nicht viel mit, manchmal trifft sie sie am Kiosk oder in der Küche, ohne dass sich aus diesen kurzen Begegnungen wirkliche Verbindungen ergeben. Sie ist eine von vielen, sie vermittelt das paradoxe Gefühl, mutterseelenallein auf der Welt zu sein und gleichzeitig in der amorphen Mensch-Masse aufzugehen. Je länger sie Yamae Yamamoto, die Freelance-Autorin, jedoch observiert, desto mehr verwischen die Grenzen zwischen ihr und dem Objekt und desto spannender wird der Roman auch. Es bildet sich ein Bedürfnis heraus, mit den Observationsobjekten in Kontakt zu treten, eine parasoziale Beziehung entspannt sich, wie man sie bisweilen zu Menschen im Internet entwickelt. Die Erzählerin schreit Yamamoto über den Bildschirm Kommentare zu, die sie natürlich nicht hören, nicht mal antizipieren kann, denn sie weiß ja nicht, dass sie gefilmt wird. Jeder, der schon mal mitten in der Nacht einen hunderte Beiträge umfassenden Kommentarstrang in sozialen Medien gelesen hat, in dem sich zwei Menschen wegen Nichtigkeiten streiten, und von der Aggressionsbereitschaft völlig fremder Menschen im Internet höchst fasziniert war, kann sich ungefähr vorstellen, wie die Erzählerin vor ihrem PC sitzt und sich hineinsteigert.

Sie schlüpft in ein fremdes Leben, sie lernt die Tagesabläufe des zu beobachtenden Objekts ganz genau kennen und nimmt fast unbewusst ihre Routinen an. Die einzige Unterbrechung dieser Beobachtungen sind die Essenspausen, die sie häufig einlegt. Essen funktioniert als Klassen- und Generationsinsignium, für die japanische Gegenwartsliteratur typisch, und typisch für die Protagonistin, dass sie in ihrem gestressten, schnelllebigen Alltag auf Convenience-Food wie Yakisobabrötchen vom Kiosk zurückgreift. Auch das verwickelt sich in Kikuko Tsmururas präzisen Alltagsbeschreibungen mit dem zu beobachtenden Objekt: "Dank des schmackhaften Brötchens wieder ich selbst, mache ich mir, auch wenn es mich gar nichts angeht, ein bisschen Sorgen um sie." Die Observation des Zielobjekts wirkt manchmal so, als würde sie einer Influencerin zusehen, nur dass diese nichts davon weiß, wie sie ihre Beobachterin beeinflusst: "Letztendlich habe ich alle Produkte, die ich ebenfalls gerne hätte, gesucht und gebookmarkt." Kapitalismus in Endstufe ist es, wenn man ohne deren Wissen teures Equipment in der Wohnung einer Person versteckt, Arbeitsressourcen ohne Ende eingesetzt werden, um sie einer Straftat zu überführen, von der sie auch nichts weiß, nur um dann am Ende Produkte zu kaufen, die sie googelt. Das ist angemessen gruselig von Tsumura geschildert, ohne dass sie ins Plakativ-Anklagende verfällt.

Das verdeckte Influencertum Yamamotos führt soweit, dass die Erzählerin ihr über die Schulter schaut, als sie die Prospekte der lokalen Supermärkte durchblättert und entdeckt, dass Weißwürste im Angebot sind (mit einem sagenhaften Kilopreis von umgerechnet 2,79 Euro). Als sie sich dann allerdings selbst mit Weißwurst versorgen will, muss sie feststellen, dass sie das Überwachungsband vom Tag davor angeschaut hat und das Angebot nicht mehr gilt. Tsumura erzeugt damit eine Art literarisches Mise-en-abyme: Wir schauen als Leserinnen jemandem über die Schulter, der wieder jemandem über die Schulter schaut. Das ist deshalb so überzeugend - und irgendwie auch erschreckend - weil man sich als Gen Z-ler letztlich selbst dabei erwischt, wie man in sozialen Medien Leute beobachtet, die man gar nicht kennt, auch wenn die sich immerhin freiwillig dazu entschieden haben, ihr Leben überwachbar zu machen.

Auch wenn der Job am Anfang nicht übermäßig anstrengend wirkt, wird es der Erzählerin doch bald zu viel: Zu belastend findet sie die Spaltung in Arbeits-Ich und Ich-Ich, dass sie verdrängen muss, dass die Beobachtung Yamamotos erstens nicht rechtens, zweitens wahnsinnig invasiv und drittens auch einfach unheimlich ist. Was ist das für eine gestörte Gesellschaft, in der man sich gegenseitig ausspioniert, weil man ja irgendwie Geld verdienen muss? Schade, dass der Handlungsstrang nach einem Fünftel des Buches schon zu Ende ist, ich hätte gern noch mehr über diese merkwürdige Situation nachgedacht, die Geschichte hätte sich auch als eigenständiger Roman angeboten. Die nachfolgenden Jobs und Teile des Buchs sind immer noch stark, haben aber vielleicht nicht mehr ganz die zum Nachdenken anregende Wirkung des ersten Großkapitels.

In ihren folgenden Jobs, die sie auch immer nur für kurze Zeit behält, gestaltet sie Werbespots für ein Busunternehmen, schreibt informative Texte für die Tütenrückseiten einer Reiscracker-Firma (die an die (nicht wirklich lustigen) Carambar-Witze erinnern, die den französischen Kaubonbons beigegeben sind), hängt Plakatwerbung auf und deckt eine Art soziales Schneeballsystem auf und sitzt zuguterletzt in einer Hütte in einem waldähnlichen Park, perforiert Museumseintrittskarten und muss sich noch um einen Waldgeist kümmern. Er stellt sich als Mensch heraus, der ebenfalls seinem Job entkommen wollte und sich im Park versteckt. Er lebt von den Früchten der Bäume dort und kommt mir vor wie ihr dunkler Zwilling, denn auch er war vor seinem Zusammenbruch in der sozialen Arbeit tätig. In jenen Momenten lässt die Autorin ihre surreale Ader durchscheinen, den Spaß daran, ihre Protagonistin mit leicht absurden Jobs hantieren zu lassen, merkt man ihr an.

Damit, dass manche Figuren aus vorherigen Jobs in den späteren Kapiteln wieder auftauchen, webt Tsumura ein kluges Textgeflecht. Frau Eriguchi zum Beispiel, eine Kollegin aus dem Werbejob, taucht in den Parkszenen wieder auf, sie hat ihre Finger im Spiel, wenn es um das Verschwinden und Wiederauftauchen des Mannes geht, der im Park lebt, aber auch, wenn es um das Geschick der Firmen geht, für die Werbespots gestaltet werden. Wie sie das macht, bleibt unerzählt. Ihre Rätselhaftigkeit ist nicht zu dick aufgetragen, sondern genau richtig mysteriös, um als gelungene Hommage auf magischen Realismus à la Murakami durchzugehen.

Der Roman legt es gar nicht darauf an, allzu tiefgängig zu werden, lässt seinen Leserinnen aber den nötigen Freiraum, die Probleme der Protagonistin auf eine überindividuelle Ebene zu heben. Es ist ein Buch, das stilistisch unauffällig daherkommt und sich ohne große innere Widerstände lesen lässt, aber mit den angesprochenen Problemen doch genügend implizite Kritik am Status Quo der Industrienationen übt, um gut in diese Zeit zu passen.

Kikuko Tsumura: Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen. Roman. Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2025, kartoniert, 304 Seiten, 18 Euro (bestellen)