Fred hat ihre Erwerbstätigkeit aufgegeben, weil sie den Lärm in Kopf und Körper nicht mehr aushält. Um in ihren Gedanken Klarheit zu schaffen, will sie schreiben. Dafür muss sie sich an Vergangenes erinnern, aber das ist ihr nur gegen erheblichen inneren Widerstand möglich. Sie braucht eine Ansprechperson und wählt dafür ihre schon längere Zeit verstorbene Schwester Louise. Fred beginnt beim Naheliegenden, ihrem Alltag, ihrem Schreibtisch, ihrem Wohnort, erzählt sich hinein in die Erinnerung an eine noch sehr gegenwärtige Reise nach Argentinien. Sie besuchte ihr Schwester Alba, die mit ihrer Familie in Buenos Aires lebt und abends zusammen mit ihrem Mann Tango unterrichtet, und reiste weiter nach Ushuaia in Feuerland - die Stadt am Ende der Welt. Ihre Erinnerungsreise führt Fred stückweise in die Vergangenheit, in die eigene Familiengeschichte: zum Suizid ihrer Schwester Louise und zu Missbrauchserfahrungen in ihrer Kindheit. Immer wieder taucht sie aus ihren Erinnerungen auf und kehrt zurück in ihr Dachzimmer. Sie beschreibt den Blick aus dem Fenster: den Flug der Vögel, Szenen auf dem Pausenhof des Schulhauses nebenan, den roten Kran auf der Baustelle in der Nähe. Sie lauscht den Geräuschen des Hauses und seiner Bewohner sowie den Geräuschen der Straße, die durchs offene Küchenfenster strömen. Sie verpflegt sich aus dem Kühlschrank, fährt mit dem Fahrrad durch die Stadt, durch den Wind, durch den Regen und hält dem grimmigen Ernst ihr Lachen entgegen. Sie besucht ihren Bruder Anton, dessen Tochter Florin und ihren Onkel Paul, immer auf der Suche nach Antworten und auf der Suche nach sich selbst.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.11.2025
Angeregt bespricht Rezensent Rainer Moritz Barbara Walders Roman, in dessen Zentrum Fred steht, eine Frau, die gerade ihren Brotjob aufgegeben hat, um als freie Künstlerin zu reüssieren. Die damit einhergehenden Selbstzweifel artikuliert Fred unter anderem in einem Gespräch mit einer verstorbenen älteren Schwester, außerdem spielen eine Reise nach Argentinien sowie Freds Versuche, sich ihrem verschlossenen Bruder anzunähern, eine Rolle. Geschickt, so der Rezensent, wechselt Walders Prosa zwischen erster und dritter Person hin und her, die verschiedenen Perspektiven verdichten sich zu einem immer klarer erscheinenden Porträt einer Frau, die den Versuch unternimmt, ihr Leben selbstbestimmt zu leben - wobei durchaus auch verdrängte Wahrheiten aus der Vergangenheit eine Rolle spielen. Ein starkes Buch über einen Schritt ins Unbekannte ist das, so das Fazit.
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