Nastassja Martin

An das Wilde glauben

Cover: An das Wilde glauben
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2021
ISBN 9783751800174
Gebunden, 139 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Auf einer Forschungsreise wird die Anthropologin Nastassja Martin von einem Bären gebissen und schwer verletzt. In ihrer autobiografischen Erzählung beschreibt sie die Geschichte dieses Kampfes und ihre Genesung. Auf einer ihrer oft monatelangen Forschungsreisen auf die von Vulkanstümpfen durchzogene russische Halbinsel Kamtschatka, wo sie die Bräuche und Kosmologien der Ewenen studiert, taucht Martin tief in deren Kultur ein und beginnt intensiv zu träumen. Nach einer Bergtour begegnet sie einem Bären: Es kommt zum Kampf, er beißt sie ins Gesicht und die 29-Jährige gerät in einen Zustand versehrter Identität. Was sie zuvor als Wissenschaftlerin beschrieben hat - die animistische Durchmischung von allem - erfährt sie nun am eigenen Leib. Die Grenzen zwischen dem Bären und ihrer selbst, oder dem, was früher sie selbst war, verschwimmen. Träume und Erinnerungen lassen Nastassja Martin umfassende Heilung in sich selbst und der Wildnis finden, in die sie nach einer qualvollen Genesungsgeschichte in russischen und französischen Krankenhäusern zurückkehrt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.06.2021

Laut Rezensentin Christiane Lutz gelingt Nastassja Martin der Spagat zwischen animistischer Erzählung über Leben mit der Natur und wissenschaftlicher Expertise. Dass Martin Anthropologin ist, vergisst Lutz beim Lesen jedenfalls nicht, auch wenn die Autorin die Distanz zu den von ihr erforschten Ewenen in Kamtschatka und zu dem Bären, der ihr das Gesicht zerbeißt, einreißt. Als wissenschaftlich grundierter Versuch, die Begegnung mit dem Wilden zu deuten, findet Lutz das Buch überzeugend, weil es weder kitschig oder mystisch oder als reines Nature Writing daherkommt, wie sie schreibt, sondern als "fulminante", sprachlich nüchtern wie poetische Deutung. Dass am Schluss "keine erlösende Erkenntnis" steht, findet Lutz zweitrangig.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.05.2021

Den Rezensenten Jens Uthoff hat Natassja Martins Roman "An das Wilde glauben" sprachlos zurückgelassen. Die französische Anthropologin berichtet darin von einem Bärenangriff, der in in den Wäldern Kamtschatkas widerfuhr, und , und ihrem Bemühen, mit dem danach entstellten Gesicht zu leben, offenbart Uthoff. Der Roman ist ihm zufolge nicht nur Heilungsbericht und Therapie, sondern auch eine Reflexion der menschlichen und tierischen Koexistenz. Dem Rezensenten scheint zu gefallen, dass Martin dabei zwischen der Beschreibung emotionaler Zusammenbrüche und rationalen Interpretationen des Geschehens wechselt. Das lasse den Roman auch zu einem philosophischen Werk werden, das dazu anregt, das Verhältnis von Mensch und Natur zu überdenken, schließt der baffe Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.05.2021

Rezensent Claus-Jürgen Göpfert empfiehlt das auf den Tagebüchern der Autorin basierende gedankenreiche Buch der französischen Anthropologin Nastassja Martin als Anregung zum Nachdenken über das Raubtier Mensch. Im Zentrum der Meditation steht laut Göpfert die folgenreiche Begegnung der Autorin mit einem Bären auf der Halbinsel Kamtschatka. Die schweren Verletzungen, den Heilungsprozess, schließlich die Rückkehr zum Volk der Ewenen und die daraus resultierende Sichtveränderung schildert Martin laut Rezensent ohne Schwärmerei für die Natur. Dennoch begreift Göpfert den Text als Aufruf zur Abkehr vom zerstörerischen Weg des Menschen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 10.04.2021

Tief bewegt und fasziniert hat Rezensentin Sigrid Brinkmann diesen tagebuchartigen Bericht der französischen Anthropologin Nastassja Martin gelesen. Martin reiste vor einigen Jahren durch Kamtschatka, um bei ewenischen Rentierzüchtern zu leben und begegnete einem Bären, der ihr den Schädel zerbrach und das Gesicht zerriss. Die Ewenen und russische Chirurgen retteten Martin das Leben, resümiert die Kritikerin. Vor allem aber handelt das Buch davon, wie die Autorin den "Zustammenstoß" mit dem Tier, aber auch ihre "innere Melancholie" über den Zustand der Welt mit Hilfe der Ewenen verarbeitete, fährt Brinkmann fort. An Seelenverwandtschaften mit Mensch und Tier glaubt die Kritikerin nach Lektüre dieses erkenntnisreichen Buches ebenfalls gern.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2021

Rezensentin Antje Ravik Strubel sieht die Grenzen zwischen Mensch und Kreatur verschwimmen in dem Überlebensbericht der Anthropologin Nastassja Martin, der von einer beinahe tödlichen Begegnung mit einem Bären bei den Ewenen in Kamtschatka erzählt. Der laut Rezensentin von Claudia Kalscheuer glänzend übersetzte Text besticht für Ravik Strubel durch kluges Nachsinnen über unsere Koexistenz mit der Natur und eine plastische Schilderung des Genesungsprozesses. Dass die Autorin den bei so einer Geschichte überall lauernden Fallen der Romantisierung sowie des dichotomischen Denkens (Natur vs. Kultur, indigene vs. neue Welt) entgeht, hält die Rezensentin für keine Kleinigkeit.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.03.2021

Für dieses Buch muss man Nerven haben. Nastassja Martins Begegnung mit dem Ursus arctos beringianus, dem arktischen Bären von  Kamtschatka, wo sie als Anthropologin die Traumzeiten der dort lebenden Ureinwohner erforschte, war wenig idyllisch: Er zerbiss ihr das Gesicht. Sie erinnert sich "an meinen krachenden Kiefer, meinen krachenden Schädel, an die Dunkelheit, die in seinem Maul herrscht" und an seinen schlechten Atem. Danach wird sie vielfach operiert, eine Google-Bildersuche fördert ein ansprechendes Gesicht zutage. Rezensent Ronald Düker berichtet fasziniert über seine Lektüre. Martin ist eine Enkelschülerin von Claude Lévi-Strauss, mit allen Wassern ihrer Wissenschaft gewaschen, weiß von der "Falle der Faszination", in die man bei seinen Feldforschungen geraten kann: nur kein "going native", kein Abgleiten ins Fremde, so Düker. Aber ihr Gesicht ist künftig anders genug, um Distanz zu schaffen. Das Buch war ihre Rettung, so der Rezensent, und als Leser darf man sich ja durchaus faszinieren lassen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2021

Rezensent Cord Riechelmann bewundert Nastassja Martins Buch über ihre lebensverändernde Begegnung mit einem Bärengebiss in den Weiten Kamtschatkas, wo die Autorin und Anthropologin das indigene Volk der Ewenen erforschte. Martins "Erzählbericht" dreht sich laut Riechelmann allerdings vor allem um die Reflexion einer Neugeburt zwischen sibirischer Steppe und Spital und um die Frage, was von der schwer verletzten Erzählerin noch sie selbst und was nunmehr Bär ist. Für Riechelmann eine unfassbare Lektüreerfahrung, weil die Autorin nicht in Fantastik verfällt, sondern als Wissenschaftlerin von dieser ungeheuren Erfahrung berichtet.