Adelsgeschichte erlebt derzeit einen Aufschwung und erfreut sich wachsenden Interesses. Im Mittelpunkt der Forschung steht dabei die Frage, wie eine traditionale Elite sich den Herausforderungen der Moderne stellte. Wie lässt sich dessen Geschichte beschreiben? Ist sie charakterisiert durch Abstieg und Bedeutungsverlust oder durch Beharrungskraft und "Obenbleiben"? Wie versuchte der Adel, sich unter ungünstiger werdenden politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu behaupten? Vergleicht man Italien, Großbritannien, die Niederlande, Frankreich und Polen mit Deutschland, werden verschiedene Strategien des "Obenbleibens" sichtbar. Diese reichen von der politischen und beruflichen Annäherung an das Bürgertum hin zur verstärkten Hinwendung zu Landbesitz und ländlich-agrarischem Leben; von den Bemühungen um einen politischen Elitenstatus bis hin zu einer Selbststilisierung als Hüter der Nation oder des nationalen Kulturerbes. Thematisch schlägt der Band einen weiten Bogen. Er behandelt das karitative Engagement adeliger Frauen ebenso wie Ausformungen adeliger Männlichkeit. Außerdem untersucht er die Rolle, die der Adel in der SA oder in den Gesellschaftsvorstellungen der SS spielte. In europäisch vergleichender und interdisziplinärer Perspektive stellt das Buch eine Standortbestimmung der historischen Adelsforschung dar.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 05.10.2004
Einen "perspektivenreichen Band", der aufzeigt, wie der europäische Adel sich in der Moderne behauptet, erblickt Rezensent Benedikt Stuchtey in diesem Buch. Auf "vortreffliche Weise" bringe er die historische Adelsforschung in einen europäischen Zusammenhang. Während etwa der niederländische Adel seine Stellung dank der Verankerung in Organisationen wie dem Ritterorden habe behaupten können, habe sich der französische Adel seit Beginn des 19. Jahrhunderts in die gesellschaftliche Elite eines nobilitierten Bürgertums integriert. Den veränderten Bedingungen der Moderne habe sich der Adel anpassen können, weil er den Verlust politischer Macht mit der Stabilität kultureller Normen ausgleichen konnte. Neben dem Aufsatz Peter Mandler, der zeigt, wie der englische Adel sich zum Hüter des nationalen Erbes aufschwingen konnte, hebt Stuchtey die "faszinierende Studie" von Stephan Malinowski und Sven Reichardt über das Verhältnis von Adel und SA in der Nazi-Zeit hervor, die zeigen, dass dieses Verhältnis zwar ambivalent, aber weniger distanziert war, als man zunächst denkt.
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