Die vulnerable Gesellschaft
Die neue Verletzlichkeit als Herausforderung der Freiheit

C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN
9783406814617
Gebunden, 189 Seiten, 16,00
EUR
Klappentext
Viele der gegenwärtig sehr heftig geführten Debatten sind Ausdruck einer schleichenden Werteverschiebung. Sie verändert unsere Gesellschaft grundlegend, ist uns aber kaum bewusst. Mehr und mehr scheinen wir bereit, Einschränkungen unserer individuellen Freiheit hinzunehmen, um einem gesteigerten Sinn für Verletzbarkeit gerecht zu werden. So verwandeln wir uns langsam in eine Gesellschaft von "Vulnerablen". In ihrer Untersuchung macht uns Frauke Rostalski auf diesen neuen Konflikt zwischen Freiheit und Verletzlichkeit aufmerksam - und plädiert für ein offenes Gespräch: Wieviel Vulnerabilität möchten wir uns auf Kosten der Freiheit zugestehen? Sie zeigt, wie sehr Vorstellungen von Vulnerabilität bereits zu Freiheitseinschränkungen im Recht geführt haben - nicht nur in Fragen medizinischer und pandemischer Risiken, sondern auch im Bereich der sexuellen Selbstbestimmung, der Suizidbeihilfe, des Schutzes vor Diskriminierung und des Schwangerschaftsabbruchs. Vulnerabilität ist aber nicht nur das heimliche Leitmotiv eines neuen Rechts und einer neuen Ethik. Sie führt auch eine neue Empfindlichkeit in unsere Debattenkultur ein, die gesellschaftliche Aushandlungsprozesse zu blockieren droht.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.06.2024
Ein interessantes Buch hat Frauke Rostalski geschrieben, findet Rezensent Felix Schwarz, vollkommen überzeugt ist er von dessen Argumentation jedoch nicht. Rostalskis These ist, führt Schwarz aus, dass Gesetze stets Freiheiten beschneiden, letztendlich sogar die Freiheit derjenigen, die sie schützen wollen. Die Tendenz, immer mehr gesellschaftliche Gruppen per Gesetz zu schützen, führt deshalb, so Schwarz, zu einer steigenden Vulnerabilität der Gesellschaft. Verloren gehe dabei die individuelle Resilienz gegen Schwierigkeiten, die Menschen im Leben begegnen. Rostalski geht keineswegs so weit, stellt Schwarz klar, alle Gesetze abzulehnen, im Sexualstrafrecht etwa kann der Schutz Schwächerer sinnvoll sein, insgesamt glaubt die Autorin jedoch, dass der Verlust von Freiheitsrechten in vielen Diskussionen zu wenig beachtet wird. Der Rezensent plädiert für eine differenziertere Sichtweise: Gesetze können, schreibt er, manchmal Freiheitsrechte erst hervorbringen, anstatt sie zu beschneiden, etwa wenn es um Versammlungsfreiheit geht. Dennoch gelingt Rostalski ein wichtiger Debattenbeitrag, schließt Schwarz.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 06.05.2024
Die Juristin Frauke Rostalski hat ein Plädoyer für eine konflikt- und kritikfreudige Demokratie vorgelegt, das den Rezensenten Jens Balzer durchaus zu überzeugen weiß: Im Zentrum steht der Begriff der Vulnerabilität, der Verletzlichkeit, der Rostalski zufolge droht, die Freiheit des öffentlichen Diskurses zu beschneiden. Die zunehmende Berücksichtigung von Verletzlichkeiten etwa aufgrund der sexuellen Orientierung, der Religion oder der Herkunft führe zu einer Überregulierung, die den Blick auf die Wahrheit versperre und das Gefühl vermittele, man dürfe "nichts mehr sagen". Die Autorin wünscht sich mehr eigene Verantwortung und produktiven Streit in der und für die Demokratie, was für Balzer zwar nicht wirklich neu ist, aber doch zum Nachdenken anregt, wie er bekundet.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 20.03.2024
Mit Interesse, wenn auch nicht uneingeschränkt positiv bespricht Michael Wolf diesen Essay der Rechtsprofessorin und Ethikrätin, die davon abrät, die "Vulnerabilität" von einzelnen zum Kriterium für Politik zu machen. Ob sie auch über die Vulnerabilität von Gruppen spricht, die sich zum Beispiel diskriminiert fühlen, lässt der Rezensent offen. Frauke Rostalskis Hinweis, dass eine demokratische Gesellschaft auch eine nüchterne Debattenkultur à la Habermas braucht, findet Wolf nicht so überaus innovativ. Mit mehr Interesse wendet er sich ihren juristischen Argumentationen zu. Hier kann er der Autorin durchaus beipflichten, wenn sie darlegt, dass eine übermäßige Einmischung des Staates in ein angebliches Schutzbedürfnis seiner Bürger zur Überregulierung, Bürokratisierung und zum Verlust an Freiheit führen kann. Eine Demokratie, die am Ende "nur noch Schutzbedürftige und keine Verteidiger mehr kennt", will er auch nicht.