Friedo Lampe

Von Tür zu Tür

Phantasien und Capriccios
Cover: Von Tür zu Tür
Wallstein Verlag, Göttingen 2002
ISBN 9783892445043
Gebunden, 240 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Johann-Günther König. Erstmals komplett in einem Band: die Erzählungen und Gedichte Friedo Lampes sowie bisher nicht veröffentlichte Texte aus dem Nachlass, in denen sich der Autor ebenso wie in "Septembergewitter" und "Am Rande der Nacht" als Meister des Magischen Realismus erweist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.12.2002

Wer nach "wirklichem Lesestoff" sucht, der sollte unbedingt, empfiehlt der Rezensent mit dem Kürzel "upj", die Werke von Friedo Lampe lesen. Der 1899 geborene Schriftsteller, der 1945 aufgrund einer tragischen Verwechslung von einer Patrouille der Roten Armee erschossen wurde, sei ganz zu Unrecht in Vergessenheit geraten oder nur noch wenigen "Liebhabern avantgardistischer Schreibexperimente" ein Begriff. Der Rezensent zeigt sich daher erfreut, dass der Göttinger Wallstein-Verlag eine Wiederauflage von Lampes Werk betreibt und nach der Veröffentlichung der beiden Romane von Lampe nun im dritten Band die 1944 zuerst erschienenen zehn Erzählungen, einen Wiederabdruck des 1937 entstandenen Kurzromans "Septembergewitter" und weitere Texte aus dem Nachlass in die Hand genommen hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.11.2002

Friedo Lampe, der, wie Michael Rutschky berichtet, am 2. Mai 1945 in Berlin von russischen Soldaten irrtümlich erschossen wurde, zählt für den Rezensenten zu einer Reihe von "Werkruinen, die das Dritte Reich der deutschen Literaturgeschichte hinterlassen hat". Seinen Romanen und Erzählungen, die der Göttinger Wallstein-Verlag seit 1999 mit sorgfältigen Geleitworten herausbringt, sei die geistige Enge der NS-Diktatur klar anzumerken, stellt Rutschky fest. Das führt beim Lesen zu einem fast klaustrophobischen Erlebnis, gesteht der Rezensent, der die Lektüre "historisch lehrreich", aber anstrengend fand. So "schwelgen" Lampes zehn Geschichten in Bildungsgut, da dem Autor nicht gegeben war, Klartext zu schreiben. Jeder Erzähleinfall, jede Formulierung gerate so zu einem Ausweichmanöver, bemerkt Rutschky. Obwohl die stark vom Film beeinflusste Erzähltechnik Lampes eigentlich ein Gefühl von Weite in Raum und Zeit suggerieren müsste, wundert er sich, erzeuge sie das glatte Gegenteil: eine Gefühl von Enge, der sich eine seelische Armut der Figuren hinzugeselle. Wie denn auch anders, fragt Rutschky und empfiehlt die Lektüre pflichtschuldigst dennoch.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.10.2002

"Ein Freund Robert Walsers, wenn Walser aus der norddeutschen Tiefebene gekommen wäre", so charakterisiert Rolf Vollmann in seiner liebevollen Besprechung den vergessenen Bremer Autor Friedo Lampe. Und noch ein Vergleich fällt ihm ein: Lampe schreibe norddeutsch "etwa wie Paula Modersohn-Becker norddeutsch malt". Was dem Rezensenten so gut gefällt ist die "schöne Beiläufigkeit" der Prosa, die ihm in den Romanen besser gelungen scheint als diesen vierzehn kürzeren Texten. Hier arbeitet der Autor, wohl weil er denkt, "Erzählungen brauchten so etwas", auf Pointen hin und vergibt ein wenig die "fließende, verfließende Form oder Halbform der romanähnlichen Prosaströme", schreibt Vollmann, der aber dennoch bewegt ist von diesen Texten. Die ins modisch-zeitgemäße forcierten Interpretationen der "Nachwortschreiber" haben ihm dagegen überhaupt nicht gefallen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2002

Fast wären Friedo Lampes Erzählungen in den Nachkriegswirren untergegangen. Das wäre allerdings ein herber Verlust gewesen, schreibt Rezensent Heinrich Detering: Denn Friedo Lampe präsentiert sich ihm als "bleiches, schönes Kind" des Fin de siècle: Seine Prosa macht Anleihen bei der deutschen Romantik und entfaltet eine "dunkel lockende Welt", in der sich allerdings die unwahrscheinlichsten Begegnungen abspielen. Märchenfiguren aus der Grimmschen Welt treffen auf den "Detektiv Herrn Boltz aus Berlin" oder "Lizzi Lorena, den berühmten Star", zitiert Detering. Dazu gibt es literarische Referenzen in Hülle und Fülle: Kafka, Döblin, Jünger, um nur einige zu nennen. Ein faszinierendes Kaleidoskop hat Lampe aus diesen heterogenen Elementen gebaut, staunt Detering: Seine "romantische Traumpoesie" verbinde sich mit avantgardistischem Anspruch und dem für Lampe zentralen Gestus des "filmischen Schreibens". Wer bei Lampe versteckte Zeichen des Widerstands gegen die Nazis sucht, wird hingegen nicht fündig werden, erklärt Detering, denn dessen Prosa sei neben aller Schönheit und Experimentierfreude auch ein Versuch, der realen Welt zu entkommen und den Blick ins Innerste zu richten.
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