Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Rainer Moritz. Da liegen die Schlangen auf den Dächern der Fabrik und verdauen, was sie die Woche über in sich hineingeschlungen haben: Gespräche, Geschwätz, Wortfetzen, alles, was sich in den Gängen und Kantinen aufschnappen ließ. Glücklich die, die eine eigene Schlange haben, von Entlassung bedroht die, die keine haben: die Arbeitswelt in den Augen von Hermann Lenz. Lenz schrieb kontinuierlich auch kleinere Prosastücke, die verstreut erschienen sind und in dieser Sammlung nun präsentiert werden.
Hermann Lenz ist auf bewundernswert flexible Weise seinem poetologischen Programm treu geblieben, schreibt Hermann Wallmann anlässlich dieses Bandes, der 40 Erzählungen Lenz' aus der Zeit 1937 bis 1994 sowie drei aus dem Nachlass umfasst. Dieses Programm besagt laut Wallmann: Wandlung, Metamorphose. Der Rezensent gibt verschiedene Beispiele: etwa der ständige Wechsel in der Erzählperspektive zwischen der dritten und der zweiten Person - ein "verwandeltes Selbstgespräch"; das Changieren "zwischen wahrgenommnen und erinnerten Wirklichkeiten", dem jede Art der Hierarchisierung des wahrgenommenen und Erinnerten fremd ist; der Verzicht auf ein "Gattungsprogramm"; die Fähigkeit zur reinen Beschreibung, die sich in Form und Bewegung und wahre Sprachlandschaften transformiert. Eine einzige Geschichte fällt aus dem Rahmen, meint Wallmann, das ist "Die Abenteurerin", die längst vergriffen war (wie viele der Erzählungen unzugänglich verstreut gewesen sein sollen). "Die Abenteurerin" spielt in Wien, im Jahr 1942, eine Vater-Tochter-Geschichte im Widerstandsmilieu, die Wallmann an einen "funkelnden" Schwarzweiß-Film von Max Ophüls erinnert.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 14.05.2002
Peter Handkes Einladung, Lenz zu lesen, möchte die Rezensentin gerne wiederholen. Für Iris Denneler nämlich gehört Hermann Lenz zu den eigenwilligsten Dichtern des letzten Jahrhunderts, was ihr die vorliegende Auswahl seiner Erzählungen beweist. Einen Kraftakt der Kunst, unauffällig zu erzählen, sieht Denneler darin und betont das Fehlen von Bitterkeit und Resignation des späten Erzählers in den von ihr bevorzugten frühen Texten: Wie in Kindheitserinnerungen aufgehoben fühle man sich, "den Zeiten und Moden entfernt, aber gefesselt von einem Ton, der in seiner Unbeirrbarkeit und Gleichmäßigkeit" in den Bann ziehe. Dabei weiß Denneler sehr wohl auch um die Stileinbrüche, den Mangel an Experimentierfreudigkeit und an politischem Bewusstsein in diesen Texten, und sie ahnt die Gefahr der "Butzenscheibenromatik". Lenz aber, versichert sie, verfalle ihr keineswegs, sondern halte die Balance aus Genauigkeit und schwebendem Zauber, "eine Mischung aus illusionsloser Weltsicht und Magie".
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