Aus dem Amerikansichen von Andrea Kunstmann. Er diente als Truppenunterkunft auf den Falklandinseln, "Hotel" für VW-Beschäftigte in Emden, Gefängnis im East River und Bleibe für Ölarbeiter in Nigeria: der schlichte Frachtkahn im Zentrum dieses Buchs. Mit modularen Containern ausgestattet - dem Inbegriff standardisierter Weltwirtschaft - wurde er zu dem, was der Markt gerade verlangte.Dem Historiker Ian Kumekawa gelingt das Kunststück, anhand der Stationen eines einzigen Schiffs die großen ökonomischen und politischen Umbrüche der letzten fünf Jahrzehnte greifbar zu machen. Eine Phase, die geprägt ist von Ölboom und Privatisierung, Deregulierung der Finanzmärkte, Arbeitsplatzverlagerung in Billiglohnländer und Masseninhaftierung. In dieser Mikrogeschichte wird auf fesselnde Weise deutlich, dass hinter abstrakten Begriffen wie Offshoring und Globalisierung, Kapitalismus und Neoliberalismus immer sehr konkrete Menschen und ihre Schicksale stecken.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 05.06.2026
Rezensent Franz Paul Helms findet Ian Kumekawas Wirtschaftshistorie einfach genial. Den Wandel der Wirtschaft anhand zweier Pontonschiffe zu erzählen, die ab 1980 zu unterschiedlichsten Zwecken verwendet wurden, als Wohnheim für Ölarbeiter in der Nordsee, als Quartier für VW-Mitarbeiter oder als schwimmendes Gefängnis vor Manhattan, erscheint Helms als brillante Idee. Der Historiker verbindet die Stationen der Schiffe mit dem weltwirtschaftlichen Kontext der Zeit, erklärt Helms, dem die akribische Recherche dahinter nicht entgeht. Selbst die Geschichte der Schiffseigner wird mit erzählt, so Helms. Stilistisch bleibt der Autor angenehm unakademisch, wenn er erläutert, was Neoliberalismus und Deregulierung konkret bedeuten, freut sich der Rezensent.
Unerwartet und genial findet Rezensent Gerrit ter Horst das Buch von Ian Kumekawa. Denn der US-amerikanische Wirtschaftshistoriker erzähle anhand des Treibens zweier Frachtschiffe eine kleine Geschichte des Neoliberalismus, staunt ter Horst: anfänglich als schwimmende, aber antriebslose Unterkunft für Bohrarbeiter gedacht, die Ende der 70er Jahre im Offshore-Ölabbau tätig waren, mutierten die oft vor Inseln, aber zwischenzeitlich auch vor New York oder Emden schwimmenden Stationen über die Zeit hinweg auch zu britischen Militärstationen im Falklandkrieg, zu Wohnorten für VW-Angestellte oder zu Gefängnis-Erweiterungen im US-amerikanischen Antidrogenkrieg, liest der Kritiker - und somit eben zum "perfekten Symbol" des Neoliberalismus, der "Anker wirft, wo immer er will" und sich dort seine eigenen Regeln bzw. Nicht-Regeln schafft: nämlich von nationalem Recht losgelöste "Sonderzonen des Rechts und des Wirtschaftens", resümiert der Kritiker. Wie Kumekawa diese neoliberalistische Logik anhand der zwei sich immer wieder kreuzenden Schiffe anschaulich macht, ist ein "Geniestreich" für den begeisterten Kritiker.
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