Wachs
Roman

Berenberg Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783911327039
Gebunden, 176 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Eine Liebesgeschichte, so schön, so verwegen, wie nur Christine Wunnicke sie schreibt. Schauplatz ist Frankreich im 18. Jahrhundert, das vorrevolutionäre und das überaus revolutionäre. Und es lieben sich zwei Frauen, die verschiedener nicht sein könnten: Marie Biheron, die schon im zarten Alter Leichen seziert, um deren Innenleben aus Wachs zu modellieren; und Madeleine Basseporte, die zeichnend die Anatomie von Blumen aufs Papier zaubert, weil Menschen einen ja doch nur von der Arbeit abhalten und meist keine Ahnung haben. Männer kommen auch vor, in schönen Nebenrollen - ein nervöser Bestseller-Autor, ein junger Nichtsnutz und Diderot, der Kaffee trinkt und viel redet. Ein hinreißender Liebesroman, der hin und her schwingt zwischen der Zeit, als Küchenschellen friedlich am Wegesrand wachsen, und jenen Schreckenstagen, als nicht allein der Königin wie einer schönen Blume der Kopf abgeschlagen wurde.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 22.09.2025
Rezensentin Judith von Sternburg kann sich gut vorstellen, dass dieser Roman von Christine Wunnicke mal verfilmt wird: Es geht um zwei Frauen, eine davon ist Marie Marguerite Biheron, die zu Beginn der Handlung erst 14 Jahre alt ist. Biheron studiert die menschliche Anatomie anhand von Leichen: Die Wachsmodelle, die sie dann darauf aufbauend herstellt, verbinden sie mit der botanischen Zeichnerin Madeleine Francoise Basseporte. Die beiden arbeiten nicht nur zusammen, sondern verlieben sich auch. In einem manchmal etwas wächsernen Stil erzählt Wunnicke der Kritikerin davon, wie schwierig es für Frauen im 18. Jahrhundert ist, ihre Nische zu finden und wie sehr das ihre Protagonistinnen zur Perfektion antreibt - ein Roman, der viel erzählt, obwohl er so kurz ist.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 03.05.2025
Rezensent Fokke Joel zeigt sich begeistert von Christine Wunnickes neuem Roman, dessen Handlung im Frankreich des 18. Jahrhunderts angesiedelt ist: Die 15-jährige Marie Biheron ist die Tochter eines Apothekers und möchte Anatom werden, weswegen sie sich zu einer Militärkaserne begibt - sie hatte gehört, man könne dort an Leichen kommen. Das klappe nicht, aber Wunnicke mache damit deutlich, welche Schwierigkeiten eine Frau zu überwinden gehabt habe, die sich in den Männerberuf Anatom habe vorwagen wollen. Sie beginnt eine Beziehung mit der Illustratorin Madeleine Basseport, von der sie Zeichenunterricht bekommen hat, erfahren wir, sie kann ihre anatomischen Wachsmodelle verkaufen, aber nicht Wissenschaftlerin werden, weil sie eine Frau ist. Joel freut sich über das "leicht altertümliche Deutsch", das die Figuren sprechen und das ihm verdeutlicht, dass der Roman nicht historische, sondern künstlerische Wahrheit beanspruchen. Auch die Ebene, auf der die Autorin den religiösen Reinheits- und Jungfräulichkeitswahn behandelt, überzeugt den Kritiker in diesem klugen Roman.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025
Rezensent Tilman Spreckelsen liest mit "Wachs" einen biografischen Roman, der noch lange nachhallt. Wenig ist über Marie Biheron bekannt. Umso spannender, nun über die unaufhaltsame, frühreife, sympathische und "durchaus manipulative" französische Wachsbildnerin und ihre Zeit zu lesen, findet Spreckelsen. Doch Wunnicke gelingt mehr als nur eine packende biografische Geschichte, so der Rezensent. Sie erzählt bewundernswert effizient, scheinbar schlicht, tatsächlich aber mit viel Witz und subtiler Raffinesse. Wenn sie sich auf Literatur und Kunst des 18. Jahrhunderts bezieht, oder Diskurse aufgreift, etwa verschiedene Naturauffassungen und Menschenbilder einander "beleuchten lässt", wie Spreckelsen es ausdrückt, so tut sie dies ohne aufdringliche, angestrengte Gelehrsamkeit, sondern auf die eleganteste, anschaulichste Weise, etwa durch das fantastische Bild am Ende des Romans: Biherons Affe, der sich ihre wächsernen Heiligenfiguren in den Leib stopft. Durch solche Anspielungen, Sinnbilder, Anekdoten öffnet die Autorin einen Hallraum, in dem sehr viel mehr zum Klingen kommt, als die bloße Handlung, so der bewundernde Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.03.2025
Hanna Engelmeier liest den historischen Roman von Christine Wunnicke mit Spannung. Die Geschichte der autodidaktischen Anatomin Marie Biheron und ihrer Liebe zu der älteren Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte im Paris des späten 18. Jahrhunderts erzählt die Autorin laut Engelmeier mit Zeitsprüngen und Stippvisiten zu den Themen Aufklärung, Natur- und Medizingeschichte. Auch wenn der Hintergrund des Erzählten für Engelmeier nicht immer perfekt ausgeleuchtet wird, bietet das Buch ihr doch eine weitgehend lebendige Darstellung der historischen und intimen Details.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 20.03.2025
"Bornierte, Besessene - immer Begabte" haben in Christine Wunnickes "minihistorischen Romanen" ihre Auftritte, freut sich Rezensentin Katharina Teutsch, die die Autorin auf einen Spaziergang getroffen hat. In ihrem neuen Werk widmet sie sich zwei außergewöhnlichen Frauen aus dem Paris des 18. Jahrhunderts: der Künstlerin Marie Bihéron, die anatomisch korrekte Wachspräparate des menschlichen Körpers anfertigte (unter anderem die erste authentische Nachbildung einer Schwangeren, wie die Rezensentin erklärt), und der Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte. Die Kritikerin ist hingerissen davon, wie Wunnicke dieses seltsame Paar in ihrem Text begleitet: Bihéron beginnt schon im zarten Kindesalter Leichen ausfindig zu machen, die sie sezieren kann, bevor sie später mit ihren Wachspräparaten Entzücken und Entsetzen bei Königen und Forschern in ganz Europa auslöst. Sie lebt in einer (allerdings erfundenen) Liebesbeziehung mit Madeleine Basseporte zusammen, die nicht nur eine begnadete Malerin, sondern auch so schön ist, dass sie viel Klatsch auslöste "und im schlimmsten Fall auch Gedichte", wie die Rezensentin zitiert. Teutsch ist vom Wissensdurst der Autorin und ihrer Figuren und auch von diesem Roman jedenfalls vollständig überzeugt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 01.03.2025
Christine Wunnicke widmet sich in ihrem neuen Roman einer historischen Figur, beschreibt der von der Lektüre ziemlich beglückte Rezensent Jan Drees, und zwar der im 18. Jahrhundert lebenden Marie Bihéron, die bereits im Teenagealter damit begann, Leichen zu sezieren. Sowohl aus Wissensdrang als auch aus religiösen und ökonomischen Motiven beschäftigte sich die Protagonistin über mehrere Jahrzehnte hinweg mit Leichen, ihre Leichenpräparationen und später vor allem ihre Wachsmodelle wurden international bekannt. Drees geht auf den vielschichtigen Titel ein, der nicht nur auf das Material Wachs, sondern auch aufs Wachsen verweist, sowie auf die Aufklärung, die dem Absolutismus erwachse. Weiterhin beschäftigt sich der Rezensent noch mit der zweiten wichtigen Figur des Buchs, der Malerin Madeleine Françoise Basseporte, die zu Bihérons Zeichenlehrerin, sowie auch - historisch nicht eindeutig belegt, aber wahrscheinlich korrekt - zu ihrer Lebensgefährtin wird. Drees beschreibt einen sexuell aufgeladenen Kirchenbesuch der beiden Frauen und weist darauf hin, dass Wunnicke keineswegs bloß eine weitere emanzipative Erzählung vorlegt, feministisch ist hier vor allem der unbedingte Körperbezug, wichtig ist im Buch außerdem eine genaue Rekonstruktion handwerklicher Tätigkeit. Insgesamt toll, resümiert Drees, wie dieser zutiefst humanistische Roman mit einer an Sofia Coppolas Filme erinnernden Souveränität ein gelungenes, von Solidarität und Liebe geprägtes Leben nachzeichnet.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 28.02.2025
Rezensent Maximilian Mengeringhaus lobt Christine Wunnickes neuen historischen Roman in den höchsten Tönen. "Näher an der Makellosigkeit zu schreiben" als Wunnicke sei nur schwer möglich, meint er. Wie auch ihre vorherigen Romane erzählt "Wachs" von einem Clash, diesmal ist es jedoch nicht das Aufeinanderkrachen verschiedener Kulturen, sondern ein Zusammentreffen verschiedener Epochen: Die Zeit, in der die unbeirrbare Anatomin Marie Biheron aufwächst, ihre Studien aufnimmt, sich verliebt - in eine andere Frau, ist eine ganz andere als die, in der sie sich von der Welt, die sie nicht mehr versteht, verabschiedet, erklärt der Kritiker. Wie immer erzählt Wunnicke überaus unterhaltsam, raffiniert, witzig, "ideenüberschäumend" von realen Persönlichkeiten und füllt die Leerstellen ihrer Biografien mit kuriosen Details und wissenschaftlichen Exkursen. Was diesen Roman aber im Speziellen ausmacht, so Meringhaus, sind seine beiden so unterschiedlichen Protagonistinnen und ihr Blick auf die Welt. "Wachs" kann historischer Roman sein, Liebesgeschichte oder Emanzipationserzählung. Ein Genuss ist er allemal, so der begeisterte Rezensent.