Die Unterweltreise (katabasis) ist in der Literatur und in der Vorstellungswelt des 20. Jahrhunderts erstaunlich präsent - als Trope, als Thema und als Modell des literarischen Unternehmens. Was aber macht den ursprünglich mythologisch-religiösen Topos so anschlussfähig für die Moderne? Welche Funktion übernimmt die katabasis? Wofür steht die Unterwelt im 20. Jahrhundert? Und wo liegt sie? Isabel Platthaus untersucht in dieser Arbeit die strukturelle Funktion und die narrative Bestimmung des Topos der Unterweltreise. Indem sie die Entwicklungen des Motivs in literarischen wie außerliterarischen Diskursen verfolgt, entdeckt die Autorin einen kulturellen Imaginationsraum und ein narratives Modell, aus dem sie eine Poetik des Erzählens gewinnt. Damit ergänzt die Arbeit ihren literaturwissenschaftlichen Schwerpunkt durch eine kulturgeschichtliche Dimension. Eine Vermittlerrolle spielt hierbei die Psychoanalyse, welche die Autorin als großes "Epos der Psyche" fasst und in Verbindung zu den klassischen Vertretern des epischen Kanons - Homer, Vergil und Dante - setzt. Den Fluchtpunkt der narratologischen Perspektive stellt jedoch James Joyces "Ulysses" dar, ein epischer Text, der anhand des Motivs der Unterweltreise die Strategien des Erzählens vorführt und auch über dessen Grenzen hinausweist.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 31.05.2005
Die Reise durch die Unterwelt ist stets ein klassischer Bestandteil des Epos gewesen, stellt Kai Wiegand fest, doch selbst in der Moderne, die nicht mehr an den Mythos glaube, trete das Motiv häufiger auf. Die Komparatistin Isabel Platthaus ist diesen Motivwandlungen in ihrer Studie "Höllenfahrten" nachgegangen - ein kluges Buch, stellt Wiegand schlicht fest. Den ersten Bruch im christlichen Weltbild, das von Höllenphantasien heimgesucht wurde, stelle Platthaus in der Zeit Galileis fest; die Entwicklung der Mathematik, der Geologie, später die industrielle Revolution trugen ihren Teil dazu bei, die ganze Welt (inklusive Unterwelt) zu entzaubern; dafür geriet die Industrie selbst zur Höllenmetapher, referiert Wiegand Platthaus' literarische Erkundungen. Spannend wird es dann noch mal, verrät der Rezensent, wenn es um Freud geht, der sich als Seelenarchäologe betätigte und die Innenwelt zur Unterwelt erklärte; darüber hinaus habe Freud den Mythos in die Psychoanalyse aufgenommen, woraus sich - zumindest für die Literaturwissenschaften - ein metapoetisches Programm ergab, das Platthaus selbst in ihren beiden Schlusskapiteln anwende: bei Joyce' "Ulyyses" und bei Thomas Pynchon, zwei lesenswerte Exegesen, meint Wiegand, die die Unterwelt als anarchischen Raum definierten.
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