Wanderratte, Hausratte oder Wistar-Ratte - die Arten der Gattung Rattus sind zahlreich, kein Wunder, haben sie sich doch im Laufe der Zeit von Asien ausgehend über die ganze Welt verbreitet, weil sie wie kaum ein anderes Tier fähig sind, sich an die lokalen Lebensumstände anzupassen. Als Allesfresser ernährt sich die Ratte in freier Wildbahn von Pflanzen genauso wie von Tierkadavern, in New York von Pizzaresten und in Berlin von weggeworfenem Döner. Wahrscheinlich glauben deshalb auch die meisten Menschen, dass sich in ihrer nächsten Umgebung immer Ratten befinden, manche schätzen das Verhältnis zur Bevölkerung sogar auf 1 : 1. Wie viele Ratten es wirklich gibt, lässt sich nicht feststellen, da sie die dunklen Ecken lieben und gut im Verstecken sind. Zählt man jedoch ihr vielfaches Auftauchen in der Belletristik bei Selma Lagerlöf, Gerhart Hauptmann und Marlen Haushofer wie auch in den Mythen und Märchen dazu, etwa im Rattenfänger von Hameln, kommt man ihrer erstaunlichen Vielzahl, ihrer Schläue und ihrer Resilienz langsam auf die Spur. Während die Ratte im Hinduismus und Buddhismus durchaus verehrt wird, schreibt die westliche Welt ihr schon lange die Rolle als Überträgerin von Krankheiten, als Ungeziefer oder als unliebsamer Gast zu, der sich bis auf die Handelsschiffe verirrt, und manchmal soll es sogar aus Gewitterwolken Ratten regnen. Dass Ratten als Modellorganismus in Experimenten und Tierversuchen zum Einsatz kommen, zeigt jedoch, dass dieser fellige Nager mit den ewig nachwachsenden Zähnen mindestens genauso über uns Menschen zu erzählen weiß.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 24.07.2024
"Etwas Außerordentliches" ist Karin S. Wozonigs Buch über Ratten, das als Beitrag zu Judith Schalanskys Reihe "Naturkunden" erscheint, findet Rezensent Thomas Steinfeld. So werden Ratten historisch und gegenwärtig nur mit Dreck, Krankheit und Verfall assoziiert, erfahren wir. Dabei verrät unser Verhältnis zu Ratten auch viel über unsere Lebenssituation und Gesellschaft - zum Beispiel, weil sie vermehrt in prekären Lebensverhältnissen vorkommen, staunt Steinfeld. Wozonig sucht die Ratte, lesen wir, auch in Literatur und Bildkunst, zum Beispiel in Georg Orwells "1984", bei dem die Charaktere mit der Beschäftigung mit Ratten auch immer mehr über sich selbst erfahren. Steinfelds Interesse für die kleinen Nagetiere scheint durch Wozonigs Buch in jedem Fall geweckt.
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