Durchsichtige Leichenscheiben als Wohnungsschmuck. - "Schön wie bunte Kirchenfenster", so Gunther von Hagens. Seit 1997 sind die durch das Verfahren der Plastination konservierten Leichen einem Millionenpublikum in der Ausstellung "Körperwelten" gezeigt worden. Hieß es 1997 noch, die durch die neue Technologie der Plastination hergestellten "individuellen" Körperpräparate würden nur an seriöse wissenschaftliche Institute verkauft, sollen sie heute in "Fließbandproduktion" hergestellt werden und für jede Privatperson "günstig" zu kaufen sein. Vom "wissenschaftlichen, echten, unterhaltsamen Bildungsobjekt" der "Körperwelten" und ihrem offiziellen Ziel einer "Demokratisierung des Wissens" haben sich die sogenannten "Plastinate" aus toten Körpern zum Konsumangebot eines globalen Privatkonzerns gewandelt. Die Beiträge des vorliegenden Bandes gehen den wissenschaftlichen und epistemologischen Zielen und Strukturen der Plastinationstechnologie nach und zeigen ihre tiefgreifenden gesellschaftlichen Einflüsse.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.08.2007
Rezensent Alexander Kissler fühlt sich nach der Lektüre dieses Sammelbands "bereichert", obwohl er trotz unterschiedlicher Autoren und Perspektiven keine Für-und-Wider-Auseinandersetzung mit dem Phänomen von Gunther von Hagens "Körperwelten" liefert. Eher ist der Band eine sehr kritische Abhandlung, die zu einem ausgesprochen negativen Fazit darüber kommt, "welches Menschenbild die reitenden, springenden, betenden Leichen propagieren." Das stört Kissler insofern nicht, dass die hinter den Beiträgen stehende Recherche solide ist. Außerdem seien die Autoren trotz "Parteilichkeit" auch bei "aufkeimender Polemik, um eine Transparenz des Urteils" bemüht. Als Knackpunkt der Veränderungen von moralischen und ethischen Voraussetzungen, mit denen eine Leiche betrachtet wird, erweist sich bei den Autoren immer wieder die mittlerweile 39 Jahre alte "fragwürdige Hirntod-Definition". Und auch wenn der Rezensent ihrer pessimistischen Perspektive nicht bis ins Letzte, zum "düsteren Endpunkt" folgen will, schließt er sich zumindest der Sichtweise an, dass die "Körperwelten" ein "politischer Vorgang" sind.
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