In dem Band über Utopie und Gewalt betrachten 25 Autoren das revolutionäre Streben nach einer besseren Zukunft und die Massengewalt, mit der in der Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre Vergangenheit und Gegenwart zerstört wurden. Ihr Gegenstand: Der Schriftsteller Andrej Platonow, einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der in eine Reihe mit Kafka und Joyce zu stellen ist und wie kein zweiter die Machbarkeit der Utopie seziert und den Preis für diesen Versuch benannt hat: Seine Sprache ist so grausam, wie die Wirklichkeit, die sie beschreibt (so Serhij Zhadan in diesem Band). Es geht um Enthusiasmus und Enttäuschung, um technologische Umbrüche und den neuen Menschen, um die Gewaltexzesse während der Industrialisierung, die Massenvertreibung und -vernichtung während der Kollektivierung sowie die Schikanen der Geheimpolizei. Die Autoren des Bandes betrachten Leben und Werk des Zeitzeugen und Chronisten Platonow, analysieren seine Romane und Erzählungen mit dem großen Instrumentenkasten der Literaturwissenschaft und gehen der Rezeption Platonows ebenso nach wie der Inspiration, die er Filmemachern und Musikern gab. Im Zentrum steht die "Baugrube" (Kotlovan), jenes Werk, in dem sich Platonows Meisterschaft verdichtet und das seit Dezember 2016 in einer Neuübersetzung auf Deutsch vorliegt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.08.2017
Unter den zahlreichen Neuerscheinungen zum Werk des russischen Schriftstellers Andrei Platonow freut sich Rezensent Ulrich M. Schmid vor allem über diese von der Zeitschrift "Osteuropa" herausgegebene Sondernummer. Ein guter Anlass, Platonow endlich auch hierzulande zu entdecken, fährt der Kritiker fort, der in diesem "Handbuch" nicht nur etwas über den kulturhistorischen Hintergrund der stalinistischen Kollektivierung und Industrialisierung oder Platonows Konflikte mit dem Sowjetstaat erfährt, sondern neben interessanten Einsichten in die Sprachphilosophie oder die christlichen Subtexte in Platonows Werk auch viel Wissenswertes über dessen Rezeption in Literatur, Kino und Musik entdeckt. Als besonderes Highlight würdigt der Rezensent die literarischen Skizzen, in denen zeitgenössische Autoren wie Ilma Rakusa, Andrei Stasiuk oder Sibylle Lewitscharoff ihr Verhältnis zu Platonow beschreiben.
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