Die neue vierbändige Auswahlausgabe ist weniger biografisch an der Entwicklung von Luthers Theologie orientiert als an der vom "Ereignis Luther" erzielten Wirkung: Sie rückt seine "reformatorische" Schriftstellerei, nach Themen geordnet, in jenen Dimensionen in den Vordergrund, die für die Veränderung des bestehenden Kirchenwesens folgenreich und für den Aufbau eines evangelischen Kirchentums dauerhaft prägend geworden sind. Die Textgestaltung will, soweit nicht lateinische Schriften ins Hochdeutsche übersetzt werden, den originalen Sprachklang erhalten: In Wortschatz, Laut- und Formenstand wird der Text der Weimarer Lutherausgabe unverändert beibehalten. Behutsame orthografische Modernisierungen dienen als Lesehilfe. Der vierte Band "Christ und Welt" enthält: De votis monasticis. Praefatio/Von den Mönchsgelübden. Vorrede (1522) - Vom ehelichen Leben (1522) - Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523) - Vermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben (1525) - Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der anderen Bauern (1525) - Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können (1526) - Eine Heerpredigt wider den Türken (1529) - Warnung D. Martin Luthers an seine lieben Deutschen (1531) - Disputatio de homine/Disputation über den Menschen (1536).
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.01.2016
Noch ein Luther?, fragt Markus Wriedt bange. Seine Befürchtungen werden allerdings nicht bestätigt, denn die von den beiden renommierten Luther-Forschern Thomas Kaufmann und Albrecht Beutel herausgegebene vierbändige Schriften-Ausgabe findet der Rezensent selbst im Vergleich mit der alten fünfbändigen Insel-Edition durchaus respektabel. Das liegt für Wriedt an der Beschränkung auf vierzig Schriften des Wittenbergers, an zurückhaltender orthografischer Modernisierung, einem scharfen Schriftbild und der weitgehend authentischen Wiedergabe von Luthers Sprache. Darüber hinaus überzeugen den Rezensenten Kommentar, Anmerkungen zur Forschung und Literaturhinweise sowie die "handliche" Aufbereitung der Texte. Dass die Herausgeber mit ihrer Auswahl verstärkt die Debatten des 21. Jahrhunderts mit Luthers Texten zu konfrontieren trachten, scheint Wriedt nur angemessen. Eine schöne, wenngleich nicht ganz preiswerte Leseausgabe, so sein Fazit.
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