Im Januar 2008 titelte die Bild-Zeitung: "Bei minus 55 Grad Holz hacken. Hessen schickt Schläger(16) nach Sibirien!" Dieser Erziehungsratschlag war trauriger Höhepunkt einer Medienkampagne, die den Wahlkampf des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch sekundierte und die bald zum Hauptthema der Republik erkoren wurde, zum Teil mit einem ausländerfeindlichen Unterton und mit dem populistischen Ruf nach mehr Härte durch das Gesetz... Für die Wahlkämpfer offensichtlich erledigt, bleibt die Frage bestehen, wie gefährlich unsere Jugend wirklich ist.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 15.10.2008
Die Beiträge in diesem von Micha Brumlik herausgegebenen Band "Ab nach Sibirien" sprechen Wolf Schmidt sichtlich aus dem Herzen. Brumlik und die Verfasser der Einzelbeiträge beschäftigen sich aus Anlass von Roland Kochs wahlkampfbedingten Ausfällen gegen ausländische Jugendliche mit der Entwicklung der Jugendkriminalität und deren öffentlicher Wahrnehmung. Der Ruf nach härterer Bestrafung verdanke sich nicht der wirklichen Gefährdungslage, sondern sei "Ausdruck einer autoritären Sehnsucht", referiert Schmidt aus Brumliks Beitrag. In weiteren Beiträgen geht es etwa um die Tatsache, dass die verstärkte Repression gegenüber Kriminellen eine Parallele in der Beschränkung staatlicher Hilfe für sozial Schwache finde. Zwar zweifelt Schmidt, ob daran tatsächlich "der böse Neoliberalismus" Schuld sei, die Feststellung beeindruckt ihn jedoch. Im Fazit sieht der Rezensent diesen Band als "umfassende" Diskussion der Debatte über Jugendkriminalität. Doch warnt er, dass der Optimismus der Autoren voreilig sein könnte: Auch wenn Koch die Wahl verloren habe, die Politik der Repression setze sich fort.
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