Ihrer gewohnten Umgebung entrissen, blieb den Patientinnen psychiatrischer Anstalten oft nicht viel mehr als ihre Erfahrungen und Erinnerungen, ihr Wissen und ihre Kompetenzen, die Praktiken, die sie erlernt hatten und die ihnen vertraut waren. Anhand von Krankenakten und Selbstzeugnissen (textile Arbeiten, Zeichnungen, Briefe, Objekte) aus der Sammlung Prinzhorn geht Monika Ankele in ihrem Buch den oft ephemer erscheinenden alltäglichen Handlungsweisen von Patientinnen psychiatrischer Anstalten zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach. Mit dem Fokus auf Raumaneignungen, auf Formen der Selbstgestaltung, auf Essverhalten oder Arbeitsgewohnheiten zeigt sie, welcher Stellenwert den Alltagspraktiken nicht nur im Blick der Ärzte zukam, sondern welche Bedeutung sie für die Patientinnen für die Bewältigung des Bruchs, der mit dem Eintritt in eine Anstalt erfahren wurde, einnehmen konnten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2010
Julia Voss stellt fest, dass es ein wachsendes allgemeines Interesse an so genannter "Outsider Art" gibt und wendet sich gespannt Monika Ankeles aus einer Doktorarbeit hervorgegangenen Studie über künstlerische Arbeiten von Psychiatriepatientinnen um 1900 zu. Ankeles Versuche, eine Antwort darauf zu finden, warum eine solche Faszination von Kunst von Außenseitern, also nicht künstlerisch ausgebildeten Menschen ausgeht, findet die Rezensentin dann richtig aufregend: Die Autorin legt nämlich schlüssig dar, dass die künstlerischen Ausdrucksformen der Psychiatrie-Insassinnen, die in der Sammlung Prinzhorn aufgehoben werden, Ausdruck eines Fluchtwegs aus der Entmündigung und Entindividualisierung des Anstaltslebens darstellt. Und das, so Voss, sei auch das eigentlich Berührende und Fesselnde der im Buch untersuchten Künstlerinnen.
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