Die Holländerinnen
Roman

Carl Hanser Verlag, München 2025
ISBN
9783446282988
Gebunden, 160 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter Theatermacher, der sie für sein neuestes Vorhaben zu gewinnen versucht - ein in den Tropen angesiedeltes Stück, die Rekonstruktion eines Falls. Wenige Wochen später bricht sie auf, um sich der Theatergruppe auf ihrem Gang ins tiefe Innere des Urwalds anzuschließen. Dorothee Elmiger erzählt eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum und vom Versagen der Erzählungen.
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Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 11.10.2025
Dorothee Elmiger nimmt sich in "Die Holländerinnen" einen mysteriösen Fall aus dem Jahr 2014 vor, das Verschwinden zweier niederländischer Studentinnen im panamaischen Dschungel, nicht um eine Geschichte zu recherchieren, zu dokumentieren, zu rekonstruieren oder aufzuklären gar. Vielmehr, stellt Rezensentin Marie-Louise Goldmann fest, geht es ihr darum, die Unmöglichkeit all dessen darzustellen, den unvorstellbaren Horror, an dem die Sprache versagen muss, literarisch erfahrbar zu machen. Die Anlage ihrer Erzählung ist komplex, Goldmann empfindet sie teilweise als "anstrengend", erzählt wird fast ausschließlich im Konjunktiv, lesen wir. Zudem knüpft Elmiger zahlreiche literarische Bezüge zu einem Dickicht, das fast ebenso undurchdringlich scheint, wie der Dschungel selbst. So entsteht eine beeindruckende Erzählung, die sich selbst reflektiert und dekonstruiert, die nicht erhellen will, sondern mitten hinein zielt "ins Herz der Finsternis", so die erschauernde Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 09.10.2025
Beeindruckt ist Rezensentin Katharina Teutsch nicht nur vom Roman Dorothee Elmigers, sondern auch von der Autorin selbst, die sie zum Gespräch getroffen hat. Ausgehend von dem Fall zweier verschwundener junger Frauen im Dschungel von Panama startet die Autorin eine "grandiose literarische Expedition", schwärmt Teutsch. Ein Theaterregisseur, mal an Schlingensief, mal an Herzog gemahnend, macht sich nun bei Elmiger auf, anhand dieses Vorfalls ein Kunstwerk zu erschaffen. "Irr und gellend lebendig" ist die Natur, auf die sie in Panama treffen, und der Roman berstend voll mit Material, verrät Teutsch. Doch die Autorin kann gut umgehen mit ihrem Stoff, lobt die Kritikerin, die sich mal an Blair Witch Project erinnert fühlt, dann wieder alle Granden des Genres "Genie und Wahnsinn im Urwald" auftauchen sieht, von Joseph Conrad bis Klaus Kinski. Eine Antwort auf den Kriminalfall hat Elmiger natürlich nicht, aber sie lässt tief in die Abgründe der menschlichen Existenz blicken - und ein gewisser Humor ist sogar auch dabei, freut sich Teutsch, die den Roman intensiv, prall gefüllt und intelligent findet.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 06.09.2025
Kritiker Carsten Hueck ist merklich beeindruckt von der Wucht von Dorothee Elmigers neuem Roman: Den Hintergrund bildet der reale Fall zweier Holländerinnen, die 2014 beim Wandern in Panama verschwanden und von denen man später nur noch die Skelette gefunden hat. Elmigers Erzählerin fragt sich angesichts dieses Stoffes, ob sie noch erzählen kann, wie sie eine Form für ihre Texte finden kann, so Hueck, etwas, das der Autorin selbst mit diesem Buch bravourös gelinge. Sie umkreist die Frage nach dem, wie und was erzählt werden kann, "auf höchstem Niveau", bescheinigt ihr der Rezensent. Dazu zählen für ihn nicht nur Referenzen auf Walter Benjamin, Jacques Lacan und Francis Ford Coppola, sondern auch die abenteuerliche Konstruktion, dass die Erzählerin mit einem an Werner Herzog erinnernden Theaterregisseur und seinem Team nach Panama reist, um den Fall der Holländerinnen zu rekonstruieren. Die Fassungs- und Haltlosigkeit, die die Figuren dabei empfinden, macht das Buch für Hueck zu einer ungemein gegenwärtigen Geschichte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2025
Rezensent Andreas Platthaus hebt hervor, dass Elmigers Roman fast ausschließlich im Konjunktiv erzählt: Gespräche, Selbstgespräche, alles indirekt, alles unsicher. Die titelgebenden, verschwundenen Holländerinnen bleiben bloßer "MacGuffin", stattdessen entfaltet sich eine Poetikvorlesung als Expedition ins "klaftertiefe, abyssische Nichts". Platthaus sieht die Nähe zu Joseph Conrads "Herz der Finsternis" - sogar die Struktur ist vergleichbar -, doch Elmiger verlagert den Fokus: psychische statt physische Gewalt, weibliche Erfahrung statt kolonialer Männerphantasien, lesen wir. Literatur, Film, Philosophie - von Werner Herzog bis Adorno - schimmern durch. Am Ende steht kein Schockbild, sondern eine "Schockkontinuität". Für Platthaus ist das "große neue Literatur" aus dem Material der alten.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 25.08.2025
"Staunenswert" findet Rezensentin Marie Schmidt den neuen Roman von Dorothee Elmiger: In seinem Zentrum steht eine Schriftstellerin, die bei einer Poetikvorlesung, angeregt von Gewährsmännern wie Werner Herzog, Theodor Adorno oder Milo Rau, auf die Idee kommt, einen Selbstversuch zu unternehmen, um ihre Kunst etwas aufzupeppen. Es soll um das "Echte" in der Kunst gehen, dafür reist sie nach Panama, um das rätselhafte (und verbürgte) Verschwinden und Sterben zweier Niederländerinnen nachzuvollziehen und Theater daraus zu machen, erfahren wir. Für Schmidt geht es dabei ganz zentral um die Frage, wie man von etwas erzählt und erzählen darf, das man nicht selbst erlebt hat und was das auch mit kolonialen Überzeugungen und dem "finsteren Selbst" zu tun hat, das wir schon bei Joseph Conrad finden. Die leicht distanzierte Form der indirekten Rede, die Elmiger zum Erzählen gewählt hat, überzeugt die Kritikerin dabei umso mehr.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 22.08.2025
Rezensent Max Mengeringhaus lässt sich von Dorothee Elmigers "Die Holländerinnen" in einen "narratologischen Teufelskreis" ziehen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Dabei verspricht die Ausgangslage eigentlich maximale narrative Übersichtlichkeit: Die Erzählerin, selbst Autorin, soll vor Studierenden von ihrer Schreibpraxis erzählen. Doch eine klare Poetik zu vermitteln, ist ihr nicht mehr möglich. Stattdessen also berichtet sie aus dem Dschungel - in den das True-Crime-Theaterprojekt eines fragwürdigen Regisseurs sie geführt hat. Angesichts jener "Furcht und Gewalt", die der Klappentext schon ankündigt, angesichts des undurchdringbaren und höllischen Horrors, der sich hier andeutet, kann jeder Versuch einer Erzählung nur scheitern. Und das tut Elmiger - so bewusst, gekonnt und konsequent, erklärt Mengeringhaus, dass die teils überdeutliche Symbolik und die etwas umständliche Konstruktion nicht mehr ins Gewicht fallen. Elmiger verleiht einer existenziellen Überforderung literarischen Ausdruck, indem sie den Horror, oder das Scheitern an dessen Darstellung in einem 160-Seiten Monolog dokumentiert, samt aller Lücken. Dabei verwebt sie Anleihen aus diversen Kinofilmen und True-Crime-Formaten zu einer Art Rettungs-Referenz-Netzwerk. Keine leichte Lektüre! Aber eine lohnenswerte, so der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 20.08.2025
Rezensentin Judith von Sternburg zeigt sich beeindruckt von Dorothee Elmigers radikalem Zugriff auf das Unsagbare. Auf nur 150 Seiten entfaltet die Autorin eine Expedition in den "Mahlstrom des Lebens", die alles andere als ein Schmöker sei, sondern "Einladung an die Waghalsigen". Eine Schriftstellerin berichtet in indirekter Rede von einer Reise in die Tropen, wo ein Theatermacher das Verschwinden zweier Frauen inszenieren will. "Es seien stets die Nächte gewesen, in denen sich alles zugespitzt habe", heißt es - Momente zwischen Fieber, Naturgewalt und Kulturtheorie, resümiert die Kritikerin. Elmigers verschachtelte Erzählweise hält Distanz und steigert doch die Intensität. Für Sternburg gelingt es der Autorin, das "klaftertiefe abyssische Nichts" sichtbar zu machen - Sprache, die das Unsagbare umkreist und es gerade so erahnbar werden lässt, schließt die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.08.2025
Interessant, aber leider nicht gelungen, findet Rezensentin Nadine Brügger die Umsetzung von Dorothee Elmigers Roman. Dieser knüpft an das mysteriöse Verschwinden zweier junger Niederländerinnen im panamaischen Dschungel an und verarbeitet die daraus entstandenen Gerüchte, Spekulationen und Mythen als literarisches Spiel mit Hörensagen und Nacherzählung. Dabei entstehe ein komplexes, aber oft überfrachtetes Geflecht aus indirekter Rede, kulturellen Anspielungen und Grenzerfahrungen, dem jegliche Leichtigkeit fehle und das eher die Mechanik von Geschichten als deren Wahrheitsgehalt beleuchte. Misslungen findet Brügger die konsequente Verwendung der indirekten Rede, die sich durch den gesamten Text zieht, aber auch die Fülle an Referenzen, Hommagen und Symbolen. Elmiger parallelisiere Form und Inhalt, indem sie nicht nur die verirrten Holländerinnen, sondern auch die Leserschaft an die "Grenzen des Erträglichen" treibe.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 16.08.2025
Julia Hubernagel scheint inspiriert durch Dorothee Elmigers neuen Roman, der sich mit dem Verschwinden zweier Wanderinnen im lateinamerikanischen Dschungel im Jahr 2013 befasst, noch mehr aber mit der "ekstatischen Wahrheit", nach der ein Theatermacher auf den Spuren dieser Geschichte fahndet. Wie Elmiger ihre Story gestaltet, mit allerhand Verweisen auf Kulturgeschichte und Philosophie, Zeichentheorie, Kolonialismus und Antike, findet Hubernagel extrem spannend. Zu lesen, wie die Schauspieltruppe auf Spurensuche im Urwald/Wald der Zeichen nahezu versumpft, ist laut Hubernagel großes intellektuelles Theater.