Wer die Trauer nicht überwinden kann oder will, hat eine andere Option: mit ihr leben zu lernen. Olga Martynova hat nach dem Tod ihres Mannes, des russischen Dichters Oleg Jurjew, vier Jahre lang an diesem großen Essay geschrieben. Wie, will sie wissen, gehen andere Menschen mit etwas um, mit dem man eigentlich nicht umgehen kann und das zugleich so unumgänglich ist. Olga Martynova sucht nicht nach Ratschlag oder Trost, sondern gerät in ihrer Trauer in ein ebenso intimes wie reflektiertes, ein ebenso schamloses wie kluges "Gespräch" - nicht zuletzt mit berühmten Texten über Trauer und Tod von Roland Barthes bis Joan Didion, von Elias Canetti bis Emmanuel Lévinas. - Begreife mich, sagt das Unbegreifliche. Darauf zu antworten, versucht dieses Buch.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2023
Rezensent Tobias Lehmuhl liest Olga Martynovas Aufzeichnungen zum Verlust ihres 2018 verstorbenen Mannes Oleg Jurjew im Kontext von Trauerbüchern Roland Barthes' und Joan Didions. Auf diese nimmt die russische Dichterin Bezug und steht ihnen auch in nichts nach, versichert der Kritiker. In "lakonisch-elegantem" Ton, ohne Abschweifungen, dafür umso intensiver zeichnet Martynova den über Jahre unveränderten Zustand der Trauer nach, dringt dabei zum Wesentlichen vor und hinterlässt dabei laut Rezensent ein Gefühl der Unmittelbarkeit. Nicht zuletzt bewundert er, wie die Lyrikerin Exkurse etwa zu Levinas, Barnes oder Montaigne einflicht.
In Olga Martynovas "Trauerbuch" geht es nicht um eine Trauerbewältigung - sie will nicht von der Trauer um ihren 2018 verstorbenen Mann lassen, erklärt Rezensentin Angela Gutzeit. Sie versucht, so die Kritikerin, die Trauer zu zerlegen, versucht Gleichgesinnte in der Literatur zu finden, die ihr erklären können, was sie in ihrer Situation tun sollte. Dabei kommt sie auf den Orpheus-Mythos, in welchem dieser zurückblickt und dadurch seine Geliebte verliert, fasst die Rezensentin zusammen. Martynova will aber zurückblicken und sucht das Gespräch mit dem Toten, lesen wir. Eine Wendung erfährt das Buch, eine Mischung aus Gedichtband und Tagebuch, als Martynova das Grab ihres Mannes nicht mehr besuchen kann, da sie seit dem Krieg in der Ukraine nicht mehr nach Russland einreisen darf. Die Trauer Martynovas "in ihrer Absolutheit zu akzeptieren" fällt Gutzeit schwer, die Rezensentin scheint aber sehr bewegt von diesem Buch.
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