Aus dem Englischen von Gerhard Meier. Was geht in uns vor, wenn wir einen Roman lesen? Was macht seine einzigartige Wirkung aus? Und wie geht die Verwandlung von Wörtern in Bilder vor sich? In den Vorträgen, die Orhan Pamuk an der Universität Harvard hielt, geht er diesen Fragen nach. Dabei beruft er sich auf Schillers berühmten Aufsatz von der naiven und der sentimentalischen Dichtung, auf Homer, Thomas Mann und viele andere. In seinem originellen, persönlichen und kurzweiligen Buch erzählt Pamuk, nach eigenem Bekunden ein "ekstatischer Leser", von seiner Lektüre und seinen eigenen Werken. Dabei vergisst er nie, dass es sich beim Lesen um einen lustvollen Vorgang handelt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2012
Was sind sentimentalische, was naive Romanautoren? Ernst Osterkamp erklärt diese Einteilung, die Orhan Pamuk von Schiller übernommen hat, wie folgt: der naive Autor schreibe unbefangen und ohne theoretischen Ballast, er lasse sich auf Gefühle und Stimmungen in und um seine Figuren ein. Der sentimentalische hingegen gehe im Schreiben theoretisch und strategisch vor, er plane und entwerfe. An diesen beiden Begriffen entwickelt Orhan Pamuk dem Rezensenten in den vorliegenden Vorlesungen seine Romanpoetik. Dabei orientiert er sich an seinen eigenen Erfahrungen als Autor und Leser, erfahren wir von Osterkamp. Besonders interessieren ihn die Umbrüche in der Weltwahrnehmung, die Menschen lesend erleben. Osterkamp bezweifelt zwar, dass die Erklärungen des Autors bei jedem Literaturwissenschaftler auf Zuspruch treffen würden, er selbst ist aber begeistert von den - gleichermaßen naiven und sentimentalischen - Ausführungen Pamuks. Der beherrsche zweifelsfrei beide Schreibweisen, weiß der Rezensent.
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