Paul Nizon

Die Erstausgaben der Gefühle

Journal 1961-1972
Cover: Die Erstausgaben der Gefühle
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518413609
Gebunden, 248 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Wend Kässens. Das Tagebuch aus den Jahren 1961 bis 1972 - der erste einer auf vier Bände angelegten Journalreihe - erzählt von den Versuchen Paul Nizons, sich gegen alle Widerstände seiner Identität als Schriftsteller zu vergewissern und diese Identität in der eigenen Existenz zu begründen. Vor dem Hintergrund der sechziger Jahre entfaltet es zudem die Stoffwelten und Formideen seiner Bücher von Canto bis Untertauchen. Aus diesem "Rohmaterial seines gelebten Lebens, aus diesem "Stoff- und Gedankenspeicher", der Werkstattbericht und Alltagsprotokoll in sich vereint, hat Paul Nizon nichts weniger erschaffen als einen Roman: den Roman seiner künstlerischen Heraufkunft.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.04.2003

Stephan Reinhardt hat der Genese des Prosaisten Paul Nizon beigewohnt, dessen Tagebücher ihm zufolge "Werkstattbericht und Gedankenlaboratorium" sind und Aufschluss geben über eine künstlerische und individuelle Selbstfindung. Nizons Impuls sei es gewesen, "ins Freie" zu drängen, in seiner schriftstellerischen Ästhetik und als Mensch jeglicher Normierung entgegen zu arbeiten. Die aus tausend Seiten gefilterten Aufzeichnungen liefern also, so Reinhardt, den Hintergrund für sowohl Inhalt und Stoßrichtung, als auch formale Charakteristik seiner Romane und Erzählungen. Zu loben, befindet Rezensent Reinhardt, sei überdies das kundige Nachwort des Herausgebers Wend Kässens.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.12.2002

Als 1963 "Canto", Paul Nizons erster bedeutender Prosatext erschien, war die Resonanz gering. Eine sich politisierende Öffentlichkeit zeigte sich an diesem weder formal noch thematisch so recht in eine Schublade zu steckenden Werk kaum interessiert. Diese frühen Jahre des Dichters bringt der Verlag nun mit dem ersten Band einer geplanten Gesamtausgabe wieder zur Anschauung. Eine Entwicklung ist fraglos abzulesen, wie der Rezensent Dieter Borchmeyer konstatiert. Zunächst steht für Nizon fest, dass ihm die Sprache nicht zum Abbilden taugt, auch zum regelrechten Erzählen nicht. Es geht ihm, stattdessen, um die, wie er sagt, "saubere Klarstellung der Schreib-Situation". Die Wende kommt mit dem Buch "Im Hause enden die Geschichten", hier erfolgt ein Aufbruch zum Erzählen oder, mit Borchmeyer, "vom Subjekt zum Objekt". Die Ironie dabei: als der Rest der Literatur in der Innerlichkeit ankommt, wendet sich Nizon der Außenwelt zu. Und hat, doppelte Ironie, damit nun Erfolg.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.09.2002

Paul Nizon fühlte sich noch nie so richtig wohl in der literarischen Szene, hat Roman Bucheli der Auswahl des Journals aus den Jahren 1961 bis 1972 entnommen, die der "Nizon-Kenner" Wend Kässens aus 1000 Seiten getroffen hat. So könne man in diesen Aufzeichnungen eine Begegnung zwischen Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch nachlesen, die dem "Schreiber" Nizon wie zwei Gewerkschaftsführer beim Polit-Handel erschienen sind, berichtet der Rezensent. Nizon selbst, der seit einiger Zeit in Paris lebt, sei allerdings auch recht zart besaitet, findet Bucheli. Die Journal-Texte zeigten als "Seelenspiegel" deutlich Nizons Verletzbarkeit und damit auch "häufige Verletztheit" und wirken auf den Rezensenten gleichsam wie ein "Dokument zunehmender Einsamkeit". Allerdings, so Bucheli leicht genervt, habe sich der "Egozentriker" durchaus auch selbst in die "Randständigkeit" gebracht. Die frühen Texte fördern zwar nicht viel Neues zutage, findet der Rezensent, aber sie zeigen immerhin "genauer" die abseitige Position ihres Autors, der, so Bucheli, schon lange auf "ausgetretenen Pfaden" wandle.
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