In der modernen Mediävistik vor allem historischer und germanistischer Provenienz erfährt zur Zeit alles, was mit Ritualen zu tun hat oder haben könnte, besondere Aufmerksamkeit. Im Zuge dieser Fokussierung ist es allerdings dazu gekommen, daß rituelles Handeln unkritisch auch dort am Werk gesehen wird, wo es in den Quellen schlichtweg nicht nachweisbar ist, was man eine Tendenz zum ?Panritualismus? nennen könnte. Die beiden hier veröffentlichten Studien nehmen dagegen Stellung, daß zwei konkrete mittelalterliche Verhaltensweisen fast habituell als Rituale bezeichnet werden: Es geht einmal um die angeblich stets nur in Erfüllung politischer ?Spielregeln? in theatralischen Inszenierungen weinenden Herrscher, dann um angeblich in der Heilkunde jener Zeit wichtige Riten, die schon allein durch Autosuggestion medizinische Wirkung zeitigen sollen. Neben der Analyse historischer und literarischer Texte in verschiedenen Sprachen und Gattungen werden auch anthropologische Argumente diskutiert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2010
Mit Beifall hat der Historiker Michael Borgolte Peter Dinzelbachers Beitrag zur mittelalterlichen "Heulforschung" aufgenommen. Der Autor unternimmt es darin, die These des Münsteraner Historikers Gerd Althoff, das Weinen mittelalterlicher Herrscher sei ein wohlgeplantes Ritual mit politischer Zielsetzung und nicht als Emotionsausdruck misszuverstehen, einer fundamentalen Kritik zu unterziehen, lässt der Rezensent wissen. Dabei weise er nicht nur fehlerhafte Interpretationen von bekannten Quellen nach, sondern führe auch neue Dokumente an, um zu belegen, dass es im Mittelalter durchaus spontanes Weinen als Ausdruck von Gefühlen gab, so Borgolte. Der Rezensent findet es zudem verdienstvoll, dass Dinzelbacher "gewissenhaft" die Frage stellt, warum Althoffs These sich so flächendeckend durchsetzten konnte und der Kritiker erhofft sich, dass jetzt der Weg frei ist, die Erforschung des Weinens als Gegenstand der historischen Anthropologie in den Blick zu rücken.
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