Von jeher prägt die Ausdrucksvielfalt der Kulturkritik das Erscheinungsbild der westlichen Kultur. Die Spottgebärde des Diogenes, des Fassbewohners, gehört ebenso hierher wie die Bergpredigt oder die Pose des Unzeitgemäßen, das große Kino ebenso wie Rap, Grunge und Punk. Längst haben die Medien das Repertoire der Kulturkritik entdeckt und für jedermann verfügbar gemacht. Kulturkritik, so zeigt Ralf Konersmann in seinem neuen Buch, ist jene Haltung des Zweifels und der Abweichung, mit der die Kultur sich selbst gegenübertritt. Die Struktur des Zerwürfnisses mit sich selbst erweist sich jedoch nicht als Defekt, sondern als Normalität. Die heutige Kultur der Massen und der Metropolen ist die Erfinderin ihrer selbst, sie verwirklicht sich als schrilles Panorama der Parodien, der Ironien und Karikaturen. In den Gesellschaften der Moderne ist Kritik somit nicht mehr nur Recht, sondern Pflicht.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 23.10.2008
Rezensent Claudio Steiger weiß Ralf Konersmanns Essay "Kulturkritik" zu schätzen. Dessen Überzeugung, Kulturkritik habe heute keine Utopien mehr, brauche sie aber auch nicht, scheint ihm zwar durchaus streitbar. Auch die behauptete Alternativlosigkeit von Konersmanns Idee zweier Phasen der Kulturkritik muss man in Steigers Augen nicht hinnehmen. Dafür aber überzeugen ihm die prägnante Darstellung der Entwicklung der Kritik im 18. Jahrhundert sowie die "brillante Rhetorik" und die "sprachliche Präzision" des Autors.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 11.03.2008
Die moderne Kulturkritik ist nicht tot, sie hat sich nur gewandelt, sie ist dynamischer, beweglicher, spielerischer und demokratischer geworden und drückt ihr Ethos durch ein Unbehagen aus, gegenüber dem sich der Kritiker nicht gleichgültig verhält, paraphrasiert Christine Pries ihre Lektüre. Auch wenn sie der offenen Form, die das Problem zwar trifft, sich aber der Festschreibung entzieht, zustimmt, fehlen der Rezensentin ein paar handfeste Beispiele geglückter Kulturkritik. Ein leichtes Misstrauen hegt sie auch angesichts der Nivellierung von postmodernen und modernen Lesarten, zugunsten der Postmoderne. Und schließlich sieht sie den Begriff der Kultur zu weit gefasst, so dass unvermeidlich Leerstellen auftauchen. Fazit: "Eine strengere Arbeit am Begriff hätte man zumal im Rahmen der schönen grauen Suhrkamp-Reihe mindestens erwartet."
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