Nestroy war unbequem, unangepasst und messerscharf in seinem Spott. Er riss der biedermeierlichen Welt des schönen Scheins die Maske herunter und zeichnete ein schonungsloses Bild der Menschen und ihrer Eigenschaften. Er umging die Zensur und wetterte in abendlichen Extempores gegen die Regierung, wofür er auch mehrfach im Gefängnis landete. Er war ein Besessener, der in seinem Leben an die 70 Stücke schrieb. Jahrzehntelang stand er selbst auf der Bühne. Der schlaksige Mann mit den stechenden Augen, in seiner ganzen Haltung oft grotesk verzerrt, faszinierte auch als Schauspieler sein Publikum. Privat war er ein "Bruder Leichtfuß", ein notorischer Schürzenjäger, hemmungslos auch in seinem Umgang mit Geld. Renate Wagner, Kulturjournalistin und Autorin eines umfassenden Nestroy-?Lexikons, zeichnet Nestroys Leben chronologisch nach. Sie tut dies spielerisch, erzählerisch und lässt das plastische Bild eines unbequemen Menschen entstehen, der seiner Umwelt einen erbarmungslosen Spiegel entgegenhielt: ein politisch unkorrekter Störenfried - und ein großer Dichter und konkurrenzloser Menschengestalter.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2012
Obwohl noch heute Stücke wie "Der Zerrissene" oder "Das Mädl aus der Vorstadt" häufig auf den Spielplänen stehen, weiß man wenig über ihren Verfasser, meint Rezensentin Irene Bazinger. Umso dankbarer ist sie für die nun erschienene Biografie "Der Störenfried - Johann Nestroy", in der es der Theaterwissenschaftlerin und Kulturjournalistin Renate Wagner trotz spärlicher Quellenlage gelinge, ein wenig Licht in das Leben des Wiener Komödianten zu bringen. So erfährt die Kritikerin etwa, dass der für seinen sozialkritischen Spott berühmte Dramatiker, der sich vorwiegend an das Vorstadtpublikum wandte, zwar äußerst diszipliniert Stücke schrieb, in denen er meist auch selbst auftrat, in seinem Privatleben aber vor allem durch Frauenaffären und Spielerei von sich Reden machte. Neben diesen informativen und gut zu lesenden biografischen Einblicken erzähle Wagner auch von den historischen Produktionsbedingungen und ästhetischen Konventionen, lobt die Rezensentin, die die ein oder andere "sprachliche Schlamperei" verzeiht.
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