Aus dem Französischen von Ursel Schäfer. Ab dem 16. Jahrhundert wurde die Sexualität im Abendland vonseiten der Kirche und des Staates zunehmend Restriktionen unterworfen, Lust wurde geächtet, Sex durfte nur in der Ehe stattfinden und wurde auch hier auf Fortpflanzung reduziert. Allerdings, und das ist Muchembleds These, wirkte sich diese Überwachung des Körpers und der Seele, die Michel Foucault beschrieben hat, unerwartet positiv aus. Die unterdrückte Lust wurde gleichsam verwandelt und entwickelte sich zum versteckten Motor, der Europa zu großen innovativen künstlerischen, kriegerischen und ökonomischen Leistungen verhalf und es schließlich zur Weltmacht aufsteigen ließ. Robert Muchembled beschreibt die Geschichte der Sexualität während der letzten fünfhundert Jahre und auf der Grundlage vielfältiger Quellen, die einen faszinieren Blick in das Alltagsleben der Menschen geben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2008
Christine Tauber ist enttäuscht. In diesem Buch jagt kein Höhepunkt den nächsten. Stattdessen quält sich die Rezensentin durch eine Geschichte der Sexualität, die mit ihrer These von der kulturschaffenden Repression körperlicher Gelüste seit Mitte des 16. Jahrhunderts weder neue Einsichten zu vermitteln (Freud!), noch stringent zu argumentieren vermag. Tauber sieht sich mit einer "indiskreten Blütenlese" insbesondere männlichen Sexualverhaltens vom 16. bis ins 20. Jahrhundert konfrontiert, die zu allem Überfluss dem wenig historiografischen Schema der pauschalisierenden Anekdote folgt. Dass die Tauber mangels Alternativen als roter Faden des Buches dienende Indignation des Autors über die männliche Doppelmoral zwischen Ehe- und Lotterbett ausgerechnet die Ausgangsthese unterläuft, regt die Rezensentin auch nicht mehr groß auf.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.08.2008
Ärgerlich findet Rezensent Daniel Jütte Robert Muchembleds Geschichte der "abendländischen Sexualität", und zwar aus verschiedenen Gründen. Der französische Kulturhistoriker sieht in der "Sublimierung erotischer Triebe seit der Renaissance das Fundament der Besonderheit" des europäischen Kontinents. Diese These ist aus Sicht des Rezensenten ebenso banal wie plakativ. Lückenhaft führe der Autor zudem auf seine Schlussfolgerungen hin. Eine Reihe von Widersprüchen und Pauschalisierungen in der Argumentation des Autors minderten zusätzlich das Lesevergnügen, meint Jütte. Stilistisch und inhaltlich weise das Buch deshalb erhebliche Mängel auf. Dies führt er wiederum darauf zurück, dass es sich bei der großen Linie "der" abendländischen Sexualität schlicht um eine Schimäre handele. Außerdem hätte sich der Rezensent einen vergleichenden Blick in die ethnologische Forschung anderer Kontinente gewünscht ,um die These der europäischen "Sublimierungsleistung" zu untermauern.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.06.2008
Sehr profund findet Sabine Doering-Manteuffel diese Geschichte der abendländischen Sexualität vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, die Robert Muchembled vorgelegt hat. Gespannt folgt sie dem französischen Historiker, berichtet über die relative Freizügigkeit zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert, den sittenstrengen Viktorianismus mit seiner Doppelmoral, die sexuelle Revolution der 1960er Jahre und den Umbruch im Verständnis der Sexualität. Besonders hebt sie Muchembleds These hervor, wonach Sublimierung und gesellschaftliche Unterdrückung der Sexualität die Europäer zu kulturellen Hochleistungen in Architektur und Kunst, in Kolonialismus und Weltmachtstreben geradezu angetrieben hätten. Von Skepsis geprägt scheint ihr die Betrachtung des Autors zur Sexualität in der neoliberalen Gegenwart. Insgesamt liest sich das Werk in Doering-Manteuffels Augen "weniger als Sexualgeschichte". Sie sieht darin eher eine "überzeichnete Pathologie des Abendlandes", so dass sie am Ende der Verdacht beschleichen könnte: "Orgasmus und Okzident passen einfach nicht zusammen."
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