Consummatus
Roman

Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2006
ISBN
9783421055965
Gebunden, 240 Seiten, 18,90
EUR
Klappentext
Stuttgart, April 2004. Ralph Zimmermann sitzt im Cafe Rösler, leert zu viele Gläser Wodka, während Stationen seines Lebens Revue passieren - Tod der Eltern, Kindheit, vor allem die fatale Liebe zu einer Underground-Sängerin, mit der er bis zu ihrem Tod einige Monate lang durch Europa kreuzte.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.09.2006
Ein göttlicher Schluss und davor ein berauschend gut geschriebenes Buch seien Sibylle Lewitscharoff hier gelungen, verkündet Beatrice von Matt. Für den Olymp der ganz großen Literatur aber habe die Autorin einfach nicht genügend gestrichen von ihren gerne aus der Form laufenden theologischen oder fantastischen Abschweifungen. Auch könnte für den Geschmack der Rezensentin der aus dem Totenreich zurückgekommene Held ein wenig "glaubhafter" unter der Haut leiden, in der er stecke. Das würde dem Leser die Empathie erleichtern. Zudem sei "Consummatus", nomen est omen, keinesfalls ein einfach lesbares Werk, warnt die Rezensentin, schon typografisch erscheine das alkoholumnebelte Zwiegespräch des Helden mit der Totenwelt eigenwillig abgesetzt. Als kleinen Hinweis, an was für einem Geniestreich der Leser hier gleichwohl eingeladen ist, teilzunehmen, vergleicht die Rezensentin die Szene der sinnierenden Trinker im Cafe mit dem Ur-Motiv der Literatur überhaupt, der Wiedererweckung der Toten.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 01.04.2006
Jörg Magenau schätzt Sibylle Lewitscharoff als exzellente Erzählerin, doch mit diesem Roman kann er ziemlich wenig anfangen. Er hält für ihn unnötig bedeutungsschwer aufgeblasen und hätte gern auf den ganzen "mythologischen Schnickschnack" verzichtet. In einem Stuttgarter Cafe sitzt ein desillusionierter Gymnasiallehrer, der sich mithilfe des Wodkas gern ins Delirium befördert, wo ihn die seligen Toten Jim Morrison, Andy Warhol und Edie Sedgwick begegnen, im Gefolge seiner einstigen Geliebten Joey, einer Mischung aus Eurydike und Nico. Die Erinnerungen des armen Helden, die nach Magenaus Ansicht einen gelungenen Roman ergeben hätten, vermischt Lewitscharoff leider nicht nur mit den Aromen der Popgeschichte, sondern zu allem Überfluss mit einem "halben Pfund griechischer Mythologie", "einer Prise Christentum" und einem "kräftigen deutschen Geschichtsknochen mit Naziaroma", schaudert der Rezensent, der angesichts des "läppischen Zeugs", das die Toten die ganze Zeit über erzählen, stöhnt: "Wenn die Ewigkeit so aussieht, dann will man nicht sterben müssen."
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 16.03.2006
Wundersam, skurril, humorvoll, gebildet, bescheiden - all dies fällt Jochen Jung zu Sybille Lewitscharoff ein und vergleicht sie großzügig mit Jean Paul, mit dem sie der Humor verbinde, der sie wiederum vor dem Umkippen ins Bierernste bewahre. Jungs Begeisterung verdankt sich Lewitscharoffs neuestem Buch "Consummatus", dessen Titel wohl auch den Ungebildeten, der bei diesem Buch nicht auf seine Kosten kommen dürfte, "draußen hält", so Jung. Schade andererseits, meint Jung, denn so würde diesem Nicht-Leser das Augenzwinkern entgehen, mit dem die Autorin ihre literarischen Vorbilder hops nehme. Aus dem biblischen letzten Wort des Herrn "consummatum est" werde ein saloppes "Jungejunge, es ist vollbracht", zitiert der Rezensent. Handlung habe dieses Buch kaum, gesteht er, sie bestünde aus einem dürftigen Rahmenprogramm, das den Lehrer Ralph Zimmermann für vier Stunden in einem Cafe an einen Tisch platziert und dort monologisieren lässt. In seinen Monolog mischen sich die Lebenden und vor allem die Toten seines Lebens, die wiederum bringen Gott, Jesus, Bob Dylan und die ganze Schöpfung ins Spiel. Ehrfürchtig steht Jung vor so viel "Gotteswahrnehmung, die sich so unreligiös wie nur möglich gibt" und nichts mit Esoterik zu tun hat. Erträglich mache das alles Lewitscharoffs verschmitzter Umgang mit dem Erhabenen der Schöpfung und der Literatur, bekräftigt der Rezensent am Ende noch einmal sein positives Urteil.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 15.03.2006
Sabine Peters' Urteil über das neue Buch von Sybille Lewitscharoff fällt gespalten aus: Einerseits sind da Witz und Beschwingtheit, "Erfindungsgabe und eine ironische Schreibweise", andererseits kommen die Protagonisten der Rezensentin zu geschwätzig daher und bleiben ihr fremd. Die Geschichte gefällt der Rezensentin dagegen ganz gut: Ein Lehrer kippt auf Klassenfahrt um und findet sich im Totenreich wieder. Dort trifft er seine Geliebte, an deren Ableben er nicht ganz unschuldig war. Zurück in der Welt, in einem Berliner Cafe, wirkt das Jenseits weiter verstörend faszinierend auf den Helden. Auf "pure Action" verzichtet die Autorin, das mag die Kritikerin. Doch der "massiv eingesetzten Bibelton", den die studierte Religionswissenschaftlerin Lewitscharoff gegen Ende des Buchs an den Tag legt, kann kaum "inhaltlich motiviert" sein, glaubt die Rezensentin. Sie vermutet eher, dass Lewitscharoff "aus Freude am Wohllaut" auf religiöses Vokabular zurückgegriffen hat. Dennoch: Die Fantasie der Autorin lässt die Welt der Toten am Ende doch "interessant" wirken.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 14.03.2006
Thomas Steinfeld ist versucht, den jüngsten Roman von Sibylle Lewitscharoff, "Consummatus", als "Meisterwerk" zu preisen, meint aber, dass dieses Etikett am "Anliegen" des Buches "vorbeigeht". Es ist ein Buch, in dem es um den Tod geht und in dem mehrere populäre Tote eine wichtige Rolle spielen, erklärt der Rezensent. Die Hauptfigur, ein Stuttgarter Deutschlehrer, sitzt in einem Cafe und erzählt aus der Zeit in den 80er Jahren, als er sich ein Jahr Diensturlaub genommen hatte und unter anderem als Tourfahrer von Joey, hinter der sich "kaum verborgen" die Velvet-Underground-Sängerin Nico verbirgt, durch Europa fuhr. Dass ihm neben Joey auch verschiedene andere Tote wie Jim Morrison oder Andy Warhol, die sich "hinter der Kuchenpyramide herumtreiben", immer wieder "ins Wort fallen" und Korrekturen oder Ergänzungen zu seinem Bericht anbringen, bemerkt dieser Mittler zwischen der Welt des Todes und des Lebens gar nicht, meint der Rezensent. Er betont erleichtert, dass der Tod in diesem Roman "nichts Raunendes" und nichts "Kokettierendes" an sich hat, dass vielmehr sehr "präzise" und mitunter durchaus komisch von seiner "Macht" erzählt wird. Deutlich werde, dass die Pop-Kultur in der säkularisierten Welt so etwas wie eine "Erweckungsbewegung" sei, stellt Steinfeld fest, der von dieser "klug angelegten Reise" in die "Zwischenwelt" von Leben und Tod sehr beeindruckt ist. Lewitscharoff macht mit ihrem Buch das "Sakrale fassbar", preist der Rezensent, der dem Roman nichts weniger als "Weisheit" attestiert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2006
Den Beschreibungen von Rezensent Richard Kämmerlings zufolge handelt es sich bei Sibylle Lewitscharoffs neuem Buch um eine komplexe und nicht ganz unanstrengende Lektüre. Trotzdem hat er das Buch offensichtlich mit Gewinn beiseite gelegt. Bei diesem "inneren Monolog" eines Deutsch- und Geschichtslehrers handelt es sich, wie Kämmerlings schreibt, um die "pathetische Lebensbeichte und große Totenklage" eines modernen Orpheus mit Nahtoderfahrung. Besonders beeindruckt Kämmerlings die Sprachkunst der Autorin. Formal riskant scheint jedoch deren Unternehmen zu sein, den Monolog immer wieder mit den Kommentaren einer munteren Runde Totengeister zu unterschneiden, die nur der Leser wahrnehmen könne und zu denen der Rezensent Freunde des Protagonisten ebenso und echte Promis vom Schlage Warhols oder Jim Morrisons zählen kann. Doch Lewitscharoff zeigt sich dem Rezensenten schließlich als zu belesene und intelligente Autorin, um aus diesen "albernen und lebensweisen" Einwürfen kein literarisches Kapital für ihr Buch zu schlagen.
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