Tadeusz Rozewicz

In der schönsten Stadt der Welt

Erzählungen
Cover: In der schönsten Stadt der Welt
Carl Hanser Verlag, München 2006
ISBN 9783446207660
Gebunden, 184 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen übersetzt und herausgegeben von Roswitha Matwin-Buschmann. Tadeusz Rozewicz hat sich in seinen Erzählungen der dramatischen Geschichte der polnischen Kriegsgeneration gewidmet: Leben und Sterben der Partisanen im Untergrund, der Verlust an sinnvollen Lebenskonzeptionen, die Brutalität und die Menschlichkeit unter dem Kriegsrecht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.11.2006

Bewegt zeigt sich Karl-Markus Gauss von diesem Band mit zwölf Erzählungen des polnischen Lyrikers Tadeusz Rozewicz. Bislang haben seine Erzählungen im Unterschied zu seiner Lyrik in Deutschland nur wenig Aufmerksamkeit gefunden, obwohl etliche Prosabände schon auf Deutsch vorliegen, bedauert Gauss. Die vorliegenden Texte, die im Original bereits vor fünfzig Jahren erschienen sind, kreisen um das Thema Krieg und die damit zusammenhängenden moralischen Fragen an den Einzelnen. Beeindruckt hat Gauss, dass Rozewicz auf anklägerische Töne verzichtet und selbstkritische Fragen stellt. So greife er ohne politische Tabus Themen auf wie den alltägliche Antisemitismus in Polen oder die Vergeltung, die nach Kriegsende an den "Huren der Deutschen" geübt wird. Besonders hebt Gauss die Erzählung "Durst" hervor, die in "schauerlicher Lakonie" von polnischen Untergrundsoldaten erzählt, die einen deutschen Gefangenen in einem Waldversteck umbringen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.11.2006

In die "existentiellen Abgründe" des 20. Jahrhunderts hat Rezensent Michael Kohtes beim Lesen dieser zwölf Erzählungen geblickt, an die er lauter Bestnoten vergibt. Er ist beeindruckt von ihrer Prägnanz, der kargen Sprache und der unprätentiösen Erzählhaltung. Im Zentrum der Texte stehen seinen Informationen zufolge Mitglieder der Kriegsgeneration, deren Lebensdramen sich der inzwischen fünfundachtzigjährige polnische Lyriker und Erzähler zuwende. Es gebe weder "Anklage" noch "Aufschrei". Karg und beklemmend rekapituliere Tadeuz Rozewicz Erlebnisse und Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg und mute dem Leser dabei ungeschützt die Perspektive seiner Protagonisten zu, lasse in das Innere von Menschen blicken, die durch die Brutalität des Krieges ihr Menschsein verloren hätten. Auch werfe manche Erzählung - so auch die Titelgeschichte, in der ein ehemaliger Lagerhäftling in Paris von der Vergangenheit eingeholt werde - die Frage auf, wie sich die vorstellungskraftsprengende Erfahrungshölle Nachgeborenen überhaupt noch vermitteln lasse. Insgesamt unterstreichen diese, nun endlich auf Deutsch vorliegenden Texte die Ansicht des Rezensenten, dass Rozewicz einer von Polens bedeutendsten Autoren ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2006

Obwohl Tadeusz Rozewicz nach Angaben von Marta Kijowska zu den am häufigsten ins Deutsche übersetzten polnischen Schriftstellern gehört, nimmt sich die Rezensentin die Zeit, ihn und sein Werk eingehend vorzustellen. Mit dem vorliegenden Band könne man Rozewicz, der hierzulande vor allem als Lyriker und Dramatiker bekannt ist, erstmals als Autor von Erzählungen kennen lernen. Darin verarbeitet er vor allem Erlebnisse des Zweiten Weltkrieges, die schon in seinem restlichen Werk eine herausragende Rolle spielen, informiert Kijowska, die darauf hinweist, wie stark Rozewicz die Genre-Grenzen in seinen Prosatexten überschreitet. So klinge so manche Passage in ihrer rhythmisierten, präzisen Sprache wie ein Gedicht. Wiewohl von deren brillanten Übersetzung sehr angetan, vermisst Kijowska ein instruktives Geleitwort der Herausgeberin, das die in den Erzählungen anklingenden Kriegserlebnisse auch biografisch einzuordnen wüsste und wo auch die Entstehungsdaten der Texte ausgewiesen wären.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.10.2006

Gefasst legt Ulrich M. Schmid demjenigen Leser, der auf gnadenlose Selbsterforschung aus ist, die pechschwarzen Erzählungen des 85-jährigen polnischen Autors Tadeusz Rozewicz, tja, wohl eher in die Hand als ans Herz. Getränkt von der pessimistischen und sinnleugnenden Haltung des seinerseits von der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs samt seinen unsagbaren Greueln, allem voran des Holocausts, geprägten Rozewicz, verstören und schockieren die Geschichten ihre Leser mit Szenarien, denen Tod und Zerstörung ihren Stempel aufdrücken. Diese "Momentaufnahmen aus dem beschädigten Leben", die erzählerisch offenbar alle während des Zweiten Weltkriegs verortet sind und in existenziellen Horrormomenten ablaufen, würden denn auch von seinem nihilistischen Autor konsequenterweise für überflüssig gehalten, worin ihm der Rezensent allerdings aus Gründen der kathartischen Selbsterkenntnis nicht beipflichten mag.
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