Nordwestwärts
Roman

Elfenbein Verlag, Berlin 2019
ISBN
9783961600069
Gebunden, 264 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Emlichheim: kaum ein Ort in Deutschland, der weiter von einer Großstadt entfernt wäre; kaum ein Ort in Deutschland, an dem Einheimische und Flüchtlinge deutlicher spüren könnten, dass es nur eine gemeinsame Geschichte gibt. In einer durch Torfbau und Gasförderung geprägten niedersächsischen Landschaft gelegen - die der Legende nach entstanden war, weil Napoleon seinen Daumen aufs Lineal gehalten hatte, als er die Grenze in seine Feldkarte einzeichnete -, kennzeichnen vier Kirchen unterschiedlicher Konfessionen das Dorf, über das sich Europas wohl größte Kartoffelstärkefabrik erhebt. - David, Spross schlesischer Flüchtlinge, in Emlichheim geboren und aufgewachsen, Kinderarzt in Potsdam, fährt zu Besuch in die Heimat, wo er auf seine Familie und auf seine Jugendliebe Grete trifft, die gerade ein Kind bekommt - sein Kind; aber er ahnt von seiner Vaterschaft nichts. David grübelt vielmehr über den Tod eines kleinen Mädchens auf seiner Station, für den er sich verantwortlich fühlt. - In Rückblenden entwickeln sich parallel dazu die anderen biografischen Zusammenhänge, die wie ein Generationen übergreifendes Mosaik zum Thema Flucht erscheinen: die Geschichten um Davids Großmutter, die 1945 aus Breslau floh, die um seine alleinerziehende Mutter, einen schlesischen Flüchtlingspfarrer, einen homosexuellen Landarzt, ein pensioniertes Pastorenehepaar der 68er-Generation und einen lokalen Schweinebauern.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 26.01.2026
Kritiker Cornelius Wüllenkemper bespricht gleich eine ganze Reihe von Büchern von Tobias Schwartz, die sich dem Leben in einer Kleinstadt nahe der deutsch-niederländischen Grenze widmen. Das ganz eigentümliche Räderwerk eines Ortes, in dem jeder jeden kennt, kennt Schwartz aus dem eigenen Leben, erfahren wir, auch wenn er in seinen vier Büchern natürlich einiges dazuerfindet: Im ersten Band kehrt der Arzt David nach Emlichheim zurück und ist dort mit den verdrängten Erinnerungen der Bevölkerung an Flucht und Vertreibung konfrontiert, denn ein Drittel der Bevölkerung wurde während des Zweiten Weltkriegs aus Ostpreußen vertrieben. Der Umgang mit und die lange verschwiegenen Traumata der Vertriebenen stellen für Wüllenkemper eines der Hauptmotive der Erzählungen dar. Er findet die verschiedenen historischen Ebenen, die hier verwebt werden, anspruchsvoll und spannend, Experimentierfreude prägt Schwartz' Arbeiten. Auch die bissigen, witzigen und sehr gegensätzlichen Charaktere finden das Lob des Kritikers: Schwartz "schaut den Emlichheimern aufs Maul", freut sich Wüllenkemper.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 04.05.2019
Tilman Krause ist ganz hin und weg von diesem Heimat-, zugleich Antiheimatroman von Tobias Schwartz. Wie der Autor seinen nach Berlin verzogenen Erzähler darin über seine Jugendliebe und einen unspektakulären Flecken nahe der holländischen Grenze erzählen und über diese "Heimat" nachsinnen lässt, distanziert, anmutig, klug, heiter und zeitgemäß das Thema Migration streifend, findet Krause lesenswert. Die Beobachtungsgabe, das kompositorische Geschick und die Dialogfestigkeit des Autors scheinen ihm enorm.