Lew Tolstoi (1828-1910) hat mit Krieg und Frieden (1868) und Anna Karenina (1875) den russischen Gesellschaftsroman in die Weltliteratur eingeführt. In seiner Schreibweise verwendete er radikal neue Techniken. Diese Kurzbiografie zeichnet nach, wie Tolstoi mit den Lebensentwürfen seiner literarischen Figuren experimentiert und sie auf seine eigene Lebenspraxis anwendet, die sich zunehmend radikalisierte. Tolstoi war am Ende seines Lebens der berühmteste Russe, exkommuniziert, den zaristischen Obrigkeiten ein Dorn im Auge und seine Ehekonflikte ein offenes Geheimnis.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.04.2011
In seiner Rezension zu drei deutschsprachigen im Jahre 2010 erschienenen Werken über Leo Tolstoi hebt Felix Philipp Ingold Ulrich Schmids Tolstoi-Biografie lobend hervor. Der Schweizer Kultur- und Sozialhistoriker verdeutliche in seinem "eleganten", auch auf ein breiteres Publikum ausgerichteten Essay Tolstois in Leben und Werk sichtbare Zerrissenheit zwischen Trivialität und Genialität. Von Einblicken in Ehekrieg und Sexualnot des Schriftstellers über Sinnsuche, Kulturverachtung und Selbsthass bis zu seiner ideologischen Inanspruchnahme durch gegensätzliche Interessen wie die des Kremls oder Hollywoods - Schmid lege "plausibel" dar, mit welchem Eigensinn Tolstoi sowohl in seinem Leben als auch in seinen Schriften immer wieder neue Lebensentwürfe teste, ohne jedoch zu einer endgültigen Problemlösung zu gelangen. Ein wenig bedauert Ingold, dass der Autor eine so interessante These wie etwa jene, dass Tolstoi als "Pionier des stream of consciousness" gelten könne, nicht mit weiteren Argumenten und Beispielen unterlegt habe.
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