Valentin Groebner

Reiner, radikaler, intensiver?

Das Mittelalter der Gegenkultur
Cover: Reiner, radikaler, intensiver?
Wallstein Verlag, Göttingen 2026
ISBN 9783835360105
Broschiert, 57 Seiten, 16,00 EUR

Klappentext

Was geschieht, wenn eine historische Epoche plötzlich zu Pop wird und zum Materialreservoir für militante politische Spektakel? Das Mittelalter ist nicht nur eine Epoche, sondern auch ein Kürzel für ein affektives Regime, für starke, ansteckende Gefühle - und das nicht nur im 19. Jahrhundert, der Hochzeit der zuerst romantischen und dann religiösen und nationalen Begeisterung für Mönche, Ritter, Ketzer und ihre vermeintlich "echteren" Lebensformen. Auch Utopien von der Wiedergewinnung authentischeren alternativen Lebens in den 1970er und 1980er Jahren haben sich enthusiastisch auf mittelalterliche Vorbilder bezogen. Sie sahen in ihnen Vorläufer, "Traditionen" und "Wurzeln" der Bewegungen und Subkulturen, die mit ihren gewalttätigen Auftritten damals in ganz Europa für Schlagzeilen sorgten. Bezüge auf ein rebellisches wildes Mittelalter waren in den Protestbewegungen weit verbreitet, zusammen mit neuen Darstellungsformen von Gefühl, politischen Affekten, Evokationen von "Authentizität" und "Reinheit". Was verbindet die radikalen Armutsbewegungen des hohen und späten Mittelalters mit den militanten Aktivistinnen und Aktivisten - und wie hat die Mediävistik darauf reagiert?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2026

Fasziniert liest Rezensent Steffen Patzold Valentin Groebners schmales, aber reichhaltiges Buch über den linken Blick aufs Mittelalter in den 1970ern bis 1980ern. Groebner widmet sich einer Gegenkultur, die am Mittelalter vor allem die zahlreichen Außenseiter, Ketzer und Mystiker interessierte, Franz von Assisi war in seiner radikalen Armut eine wichtige Figur. Groebner nimmt eine beeindruckend breite Pallette an kulturellen Artefakten ins Visier, linke Freiburger Buchläden kommen genauso vor wie nackte Demonstrierende, Terry-Gilliam-Filme oder auch Umberto Ecos "Der Name der Rose", der die Mittelalterbegeisterung der italienischen Linken kritisch reflektierte. Schließlich zeichnet der Autor außerdem nach, dass die akademische Geschichtswissenschaft die linke Mittelaltereuphorie zwar einerseits kritisch beäugte; dass sie allerdings nicht selten in eine ähnliche Kerbe schlug, wenn sie in derselben Zeit das Mittelalter mit Vorliebe als ein der Moderne komplett entgegengesetztes Zeitalter darstellte. Eben hier setzt auch ein kleiner Kritikpunkt Patzolds an: Wäre es heutzutage nicht auch wichtig, sich zu überlegen, an welchem Punkt integre Wissenschaft aufhört und politische Instrumentalisierung derselben anfängt? Freilich bleibt das ein kleiner Einwand in einer ansonsten klar positiven Besprechung.

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