Lena Schätte

Das Schwarz an den Händen meines Vaters

Roman
Cover: Das Schwarz an den Händen meines Vaters
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783103976571
Gebunden, 192 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Motte wird sie von ihrem Vater genannt. Eigentlich hat sie sogar zwei Väter: den einen, der schnell rennen kann und sich auf alle Fragen eine Antwort ausdenkt. Und den anderen, der von der Werkshalle ins Büro versetzt wird, damit er sich nicht volltrunken die Hand absägt. Und das mit dem Alkohol, sagt die Mutter, war eigentlich bei allen Männern in der Familie so. Auch Motte trinkt längst mehr, als ihr gut tut. Schon als Kind hat sie beim Schützenfest die Reste ausgetrunken, bis ihr warm wurde. Jetzt, als junge Frau, schläft sie manchmal im Hausflur, weil sie mit dem Schlüssel nicht mehr das Schloss trifft. Ihr Freund stützt sie, aber der kann meistens selbst nicht mehr richtig stehen. Nur ihr Bruder, der Erzieher geworden ist, schaut jeden Tag nach ihr. Als bei ihrem Vater Krebs im Endstadium diagnostiziert wird, sucht Motte nach einem Weg, sich zu verabschieden - vom Vater und vom Alkohol.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2025

Einen dichten, intensiven Roman über Alkoholmissbrauch hat Lena Schätte laut Rezensentin Anna Vollmer geschrieben. Dessen weibliche Hauptfigur heißt Motte, sie lebt in einer westdeutschen Kleinstadt, ihr Vater ist Arbeiter, zumindest solange es sein Alkoholismus zulässt. In der Welt dieses Buches scheint das Leben nach festen Regeln zu verlaufen, fasst Vollmer zusammen: Kinder von Alkoholikern werden selbst welche und Männer sind gefährlich, wenn sie Schnaps, nicht aber, wenn sie Bier trinken. Allerdings zeigt Schättes Roman im Folgenden gerade, dass solche Regeln nur auf den ersten Blick gelten, tatsächlich jedoch fängt zwar die Hauptfigur irgendwann auch an zu trinken, ihr Bruder jedoch nicht. Auch sonst gelingt es Schätte, Klischees zu umschiffen, wie Vollmer lobt. Viel steckt drin in dem nicht umfangreichen, aber aufgrund der verschiedenen Zeitebenen durchaus komplexen Roman, meint die Rezensentin, der besonders gut gefällt, wie nuanciert die zentrale Vater-Tochter-Beziehung beschrieben ist.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 12.04.2025

"Unsentimental" findet Rezensent Jan Drees diesen überzeugenden Debütroman von Lena Schätte, in der die Hauptfigur Motte vom Aufwachsen und den Dynamiken in einer Familie erzählt, in der Alkoholabhängigkeit das Leben aller Mitglieder, auch der Nicht-Süchtigen, bestimmt. Der Vater ist Fabrikarbeiter, daher kommt das titelgebende "Schwarz an den Händen", zumindest, bis er wegen der Sauferei seinen Job verliert, erzählt Drees. Schätte, die früher als Psychiatriekrankenschwester gearbeitet hat, weiß, wovon sie erzählt, meint er. Mit ihrer "schmucklosen", sachlichen Erzählweise ordnet sie die traumatischen Erinnerungsfetzen der Protagonisten, erklärt der Kritiker, der bemerkt, wie viel widerstandsfähiger die Frauen in diesem Buch sind als die Männer. Ob das Buch auch einen literarischen Wert hat, sagt der Rezensent nicht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.03.2025

Der merklich begeisterte Rezensent Tobias Rüther widmet dem neuen Roman von Lena Schätte eine ausführliche, zugewandte Besprechung: In der Geschichte einer Familie, in der eigentlich alle, allen voran der Vater, saufen, macht er Sätze wie "Blaulichter" aus, die die volle Komplexität der Sucht abbilden. "Mein Bruder kippt den Schnaps ins Grab", ist einer dieser Sätze, den Rüther zitiert, denn der Vater von "Motte", wie er die Erzählerin nennt, überlebt die Sucht nicht. Der Spitzname sei auch deshalb so passend, weil sie auch nach dem Tod noch um ihn kreise und ihr Leben von diesem Trauma bestimmt sei. Wir erfahren, dass die Geschichte im Sauerland der Neunziger spielt, nach langer Fabrikarbeit übernimmt die Familie dort eine Raststätte, bei der die Kunden aber irgendwann ausblieben. Für den Kritiker sind diese Orte "Chiffren der Heimatlosigkeit", die auch dafür sorgen, dass dieser gelungene Roman sich perfekt einordne in eine ganze Reihe von derzeit erscheinenden Geschichten über ungewöhnliche, kaputte Familien.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.03.2025

Lena Schätte ist eigentlich Krankenschwester in einer Psychiatrie und hat einen äußerst bemerkenswerten autofiktionalen Roman geschrieben, auf dessen Spuren sich Rezensent Bernhard Heckler begibt. Der Roman ist im Café des Hagebaumarkts Neuenrade entstanden, in der Nähe von Lüdenscheid, wo Schätte aufgewachsen ist und wo auch die Handlung spielt: Es geht darum, wie es ist, mit einem alkoholkranken Vater aufzuwachsen, erzählt der Kritiker, der die Aufrichtigkeit und die inneren Nöte der Protagonistin spürt, wenn der Vater mal wieder im Garten seinen Rausch ausschläft und behauptet, "Ich schau mir nur die Sterne an." Es geht um Enttäuschungen, um Eltern, die nicht für ihre Kinder da sein können, aber auch um Trost und die Frage, was man aus seiner eigenen Biografie machen soll. Der Rezensent ist sich sicher, dass auch die, die keinen Trost brauchen, hier einen hervorragenden Roman "ohne ein einziges überflüssiges Wort" finden.

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