Volker Braun

Das Wirklichgewollte

Cover: Das Wirklichgewollte
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783518411704
Gebunden, 54 Seiten, 14,32 EUR

Klappentext

Giorgio Badini, Sohn eines toskanischen Maurers, jetzt Professor und Besitzer eines Landguts, genießt mit seiner Frau den Ruhestand. Aber die Alten sehen plötzlich ihr Haus von einem jungen Paar besetzt ? Flüchtlinge oder Verbrecher? Darf man ihnen helfen oder muss man sie fürchten? Sachar Baschkin und seine Frau Warwara, einst aus Piter ausgezogen, die längste Bahnstrecke der Welt zu bauen, sind in Sibirien auf der Strecke geblieben. Sie sind unnütze Menschen geworden und finden in ihrem Waggon keine Ruhe ? wie die Banditen, die Kinder, die nicht leben wollen wie sie. ? Der neunzigjährige Brasilianer Borges, am Reißbrett die Favellas im Blick, liest den neunjährigen Jorge auf der Straße auf. Doch die Bestie will auf die Straße zurück. So knapp und genau die Sprache der Geschichten, so hart treten die Gegensätze zueinander, Verhältnisse, die nicht zu versöhnen sind, und nicht zu erdulden. So stehn die Dinge, aber was kommt, und was ist das Wirklichgewollte?

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.10.2000

Angesichts einer unvermittelt und ohne Satzzeichen abbrechenden Geschichte in diesem "jüngsten Bändchen" Volker Brauns scheint es der Rezensentin schon, als hätte es dem Autor die Sprache verschlagen. Und ausschweifend lang sind sie ja wirklich nicht, diese drei Erzählungen oder, wie Angelika Overath so treffend schreibt, "motivischen Variationen" über das Alter und den "Fluchtpunkt Tod". Aber die Sprache verschlagen - einem Büchnerpreisträger? Nein, nein. Denn obgleich Braun jede Menge desillusionierte Figuren auf den Plan ruft, und es am Ende in seinen Geschichten "keine humane Perspektive mehr gibt", wie Overath einräumt - wir haben es noch immer mit "sprachlich makellos schönen Miniaturen" zu tun.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.10.2000

Nach Reinhard Baumgart war die Prosa Volker Brauns, dem diesjährigen Büchner-Preisträger, schon immer nüchterner als seine Gedichte, selbst in Zeiten sozialistischer Hoffnungen. Die gingen vorüber, und mittlerweile sind Brauns Erzählungen die pure Lakonie, wie Baumgart vermerkt, auch wenn sie immer noch über die einzelne Geschichte hinweg `nach dem Sinn der großen Geschichte` fragen. Antworten sind allerdings bei Braun nicht vorgesehen, meint der Rezensent, alle Geschichte endeten jäh. Keine der drei vorliegenden Erzählungen spielt überhaupt in Deutschland, Austragungsorte sind Italien, Brasilien und Sibirien. Das Muster beschreibt Baumgart als gleich ablaufend: die soziale Realität bricht in Gestalt von albanischen Flüchtlingen oder einem Straßenkind gewaltsam in die befriedete Existenz der Protagonisten ein. Mit `Kleistschem Furor` gelinge es Braun in nur wenigen Sätzen, so Baumgart, das ganze Universum der Figuren zu vermitteln: `gelassen und doch ungeduldig` nennt er die Erzählökonomie des Autors, der die Fragen, die ihn bedrängen, in jedem Satz aufblitzen sehen wolle.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Scharfsichtig rückt Uwe Pralle dem Generationskonflikt zu Leibe, der das Grundmotiv der drei neuesten Erzählungen Volker Brauns bildet: Mehr noch als die soziale Kluft ist es der Bruch zwischen den einst vom Sozialismus ideell oder materiell genährten Alten und den keinem Weltbild als dem puren Pragmatismus verhafteten Jungen, der sich bei Braun nur in Gewalt entladen kann. Doch gerade seine Lust am Stil einer `klassizistisch wirkenden Sprache` macht Pralle dem Autor zum Vorwurf. Denn hinter dem Abgesang auf das Politische und dem dadurch `getrübten Blick dieser Melancholie` stehe eine verzerrte Darstellung der Anliegen der Jüngeren. Dieser hohe Ton sei reine Kür `am Ende seiner Pflichten`, kritisiert Pralle und schlägt den Autor mit seinem eigenen Zitat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000

Schon nach dem ersten Satz, berichtet Peter Demetz über sein Lektüreerlebnis, habe er bemerkt, dass diese Prosa, die er als "short stories" zu lesen begann, es strikt ablehne, ihm "Begebenheiten, Figuren und Sinn ins Haus zu liefern". Die drei Texte seien alle Variationen eines Themas. Nur welches, das weiß Demetz nicht zu sagen. Aber daran hat er wohl gerade seine Freude gehabt. Und so sieht er mit der Gelassenheit eines Literaturkritikers den geschilderten Menschen beim Scheitern zu und auch dem Autor, der sich abrackern muss, weil ja in einer veränderten Gesellschaft alte Formen unbrauchbar geworden sind. "Was wird geschehen?" fragt der Kritiker schließlich. Der Text des Autors bricht ab, ohne Interpunktion. Und irgendwie weiß man nicht, fürchtet der Kritiker jetzt die frostige Freiheit? Mag er keine warmen Socken oder will er lieber überhaupt nicht denken? Jedenfalls wird einem nach Lektüre seiner Kritik nicht so recht klar, was er uns eigentlich über dies Buch sagen wollte. Aber das ist vielleicht gerade der Witz.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.09.2000

Der in diesem Jahr (2000) mit dem Büchner-Preis ausgezeichnete Schriftsteller hat in seinem neuen Buch genauer gesagt, was er seit 1989 als Ende der Geschichte apostrophiert hat, schreibt Agnes Hüfner. In drei Erzählungen geht es um Menschen, die "zum alten Eisen" gehören und um jene, die ihnen das durch ihre Jugend, ihr Besserwissen oder pures Anderssein verdeutlichen. Überall, ob Italien, Russland oder Brasilien, ist der Gedanke an Revolution oder Befreiung ersetzt durch die Erkenntnis von Missbrauch, Not und Gewaltdrohung. In einem "der Alltagssprache entrückten, konzentrierten Stil" berichtet Volker Braun vom Leben seiner Protagonisten, schreibt Agnes Hüfner und beschreibt die in diesen Geschichten herrschende Ernüchterung als über den "realistischen Gleichmut" des Autors hinausweisend. In welche Richtung das geht, sagt sie im letzten Satz ihrer Besprechung: "Das Wirklichgewollte wäre demnach das Leben."
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