Tagebücher. Über Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall - Ein historisches und literarisches Ereignis
Penguin Verlag, München 2026
ISBN
9783328605157 Gebunden, 416 Seiten, 32,00
EUR
Klappentext
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ediert erstmals Auszüge aus dem Tagebuchwerk von Wolf Biermann. In "Ihr löscht das Feuer mit Benzin" finden sich Einblicke in das Leben und Denken eines Mannes, der wie kein Zweiter in der Diktatur für die individuelle Freiheit kämpfte. Beim Beobachten analysiert Biermann sich selbst genauso schonungslos wie die politische Landschaft, ab 1976 auch Westdeutschlands. Er portraitiert seine Zeitgenossen, von Politikern wie Walter Ulbricht, Willy Brandt und Helmut Kohl bis zu Weggefährten wie Robert Havemann, Ernst Bloch, Joan Baez, Alan Ginsberg, Rudi Dutschke, Manfred Krug, Christa Wolf oder Manès Sperber. Zwei Bildteile mit Faksimiles illustrieren den Charakter der Tagebücher, die Aufzeichnungen zum persönlichen Leben, Arbeitsentwürfe, Zeichnungen, Fotos, Briefe und kommentierte Einklebungen versammeln.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2026
Interessiert liest sich Rezensent Jan Wiele durch diesen von Ilko-Sascha Kowalczuk herausgegebenen Band mit Tagebuchaufzeichnungen Wolf Biermanns - die, wie Wiele klarstellt, nur eine kleine Auswahl aus einem viel größeren Konvolut sind, das nun nach und nach veröffentlicht werden soll. Thematisch drehen sich viele Texte um die Ausbürgerung Biermanns und später um den Mauerfall, es gibt jedoch auch Einträge aus den frühen 1960ern, in denen der Dichter bereits scharf gegen DDR-Funktionäre schießt und auch die DDR-Literaturszene verunglimpft: "O welches Stinkvolk! Welche Scheißliteratur! Welche Afterwissenschaft und welche Latrinen - Provinz!" Wobei auch Westdeutschland in vielen Texten nicht gut wegkommt, außerdem ist auffällig, wie lange Biermann noch an seinen kommunistischen Idealen festzuhalten versuchte, auch aus Schuldgefühl seinem von den Nazis ermordeten Vater gegenüber, lesen wir. Besonders aufschlussreich findet Wiele Biermanns Aufzeichnungen zu seinem Jüdischsein, die unter anderem sozialistischen Antisemitismus thematisieren. Biermanns Mix "aus Ironie, literarischer Verspieltheit und bitterem Ernst" kann rühren, belustigen und teilweise auch schockieren, resümiert Wiele seine Empfehlung.
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