Johanna Christner berichtet für die FAZ über die Messe für Männerbekleidung in Florenz, Pitti Uomo. Anscheinend können feminin angehauchte Kleider an Männerkörpern immer noch Gemüter erzürnen, stellt sie in den Instagram-Kommentarspalten fest, nachdem die irische Designerin Simone Rocha ihre Männerkollektion gezeigt hatte, die die klassischen Vorstellungen der "italienischen Eleganz und Maßschneiderei" und Gender-Rollen unterlief: "Märchenhaft muten ihre Kollektionen oft an, viele Rüschen, viel Tüll, Pastelltöne, stets sehr feminin. Dieser modischen DNA blieb die Neununddreißigjährige nun auch für ihr Debüt in Florenz treu: Männer schritten umwickelt von weißen Federboas über den hölzernen Boden der Bühne und des Saals. Gerüschte Kleider, Röcke und Schürzen wurden kurzerhand mit weiten Hosen kombiniert. An ihren Füßen trugen die Models Ballerina-Sneaker oder schwarz glänzende Oxford-Schuhe." Es "sei ihr nicht darum gegangen, Weiblichkeit in ihre Kollektion zu bringen, sondern Zärtlichkeit, erklärte die Tochter von Modedesigner John Rocha nach ihrer Schau."
"Die Etablierung des Fußballtrikots als büro-, party- und galataugliches Kleidungsstück darf als abgeschlossen gelten", schreibt Bernhard Heckler in der FAZ. "In diesem WM-Sommer haben sie ein ästhetisches Allzeithoch erreicht: Hot couture aus kühlem Polyester, gleichzeitig zweckgebunden und zweckentfremdet, es ist kein großer Widerspruch mehr, Deutschland anzufeuern, dabei aber das Trikot der Marokkaner zu tragen, einfach weil das Rot einem so gut gefällt." Damit "kommt die zweite Welle: die langsame Abtragung der ursprünglichen Kollektivbedeutung des Leibchens. Wie Meerwasser an die Felsküste schwappt das moderne Distinktionsverlangen der Konsumenten an das Fußballtrikot, das immer der Ausweis einer Gruppenzugehörigkeit war. Letzte Regeln erodieren langsam: Ein Trikot muss nicht mehr zwingend auf einen Fußballverein oder eine Fußballnation hinweisen."
"Augenlust oder Aufschrei des Sehorgans - die kräftigen Farben der Möbel und die schrill-schrägen Interieur-Ideen von VernerPanton werden individuell ganz unterschiedlich erlebt", schreibt Gabriele Detterer in der NZZ nach Besuch der Panton-Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein (mehr zu Ausstellung bereits hier).
F.C.Gundlach: Uschi Obermayer mit Sinalco-Puppe Rita, Hamburg 1970 Copyright: F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach Die ganze Bandbreite des Schaffens von F.C. Gundlach bewundert Wolfgang Krischke (FAZ) in einer Ausstellung im Hamburger Bucerius Kunstforum, die ihm zeigt, dass Gundelach eben nicht "nur" Modefotograf war: "Die Kombination von Mode mit Architektur ist ein zentrales Element in Gundlachs Bildsprache. Ein ideales Ambiente dafür bot das von Oscar Niemeyer am Reißbrett entworfene Brasilia, das er fotografierte, als es noch im Entstehen war. Die futuristisch-surrealen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, in denen er die leeren Straßenfluchten und die monumentalen Silhouetten seiner Gebäude unter wilden Wolkenformationen einfing, gehören zu den Höhepunkten der Ausstellung."
Sehr berührend fand die Kuratorin Katharina Krawczyk (SZ) OlivierSaillards neue Performancereihe "Musée Vivant de la Mode" in der Pariser Fondation Cartier: Gezeigt wurde verschlissene, teils auf Pariser Straßen entsorgte Kleidung - getragen von ins Alter gekommenen Models, die einst für "Couturiers wie Madame Grès, Martin Margiela oder Jean Paul Gaultier gearbeitet hatten - und die er deshalb als 'lebendesgeschichtliches Erbe' bezeichnet. Eine nach der anderen schritten sie den Raum ab und erweckten die Kleidung mit ihren Gesten langsam wieder zum Leben. Einem Pygmalion gleich kommentierte Saillard danebenstehend das jeweilige Stück, attestierte einem von Motten zerfressenen Mantel einen Burn-out, verwies auf den abgenutzten Saum eines Kleides, der auf lange Tanznächte schließen lässt." Für Krawczyk steht dies im Zusammenhang mit einer neuen Sehnsucht nach und einer neuen Normalisierung von Spuren statt Glätte, Alter statt Jugendfetisch. "Die Zärtlichkeit, mit der Saillard in seinen Performances dem Verbrauchten und vermeintlich nicht mehr Brauchbaren begegnet, berührte die Zuschauer merklich, die ihm mit feuchten Augen, Standing Ovations und tosendem Applaus für diese Ode an den Alltag dankten."
ErnstMoecklsZ-Stuhl - auch Känguruh-Stuhl genannt - soll zurückkehren, dafür will der Stuttgarter Hersteller Richard Lampert sorgen, berichtet Florian Siebeck in der FAS. Dass der Stuhl heute als DDR-Produkt gilt, ist im übrigen eine falsche Zuordnung. Entstanden ist der Entwurf in Ulm, "Moeckl war Westdeutscher, und die Horn Collection, die den Stuhl Ende der Sechzigerjahre in Auftrag gab, saß in Baden-Württemberg. Und doch: Es gab ihn auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. ... Dabei passte der Entwurf nicht einmal besonders gut zu jener funktional-vernunftgetriebenen Ästhetik der Ulmer Schule, aus der Moeckl kam. Dafür umso besser zum Raumfahrtzeitalter, wo Möbel entstanden, die nicht länger brav den vertrauten Gesetzen bürgerlicher Wohnlogik folgten. ... Wie viele Gestalter reizte auch Moeckl die Idee eines Freischwingers aus einem Guss. Der 'Z-Stuhl' war nicht, wie gelegentlich behauptet wird, die Ost-Kopie des berühmten 'Panton Chair'. Er war eher die deutsche Antwort darauf, vielleicht sogar eine kleine Korrektur."
Außerdem: Jana Janika Bach erzählt in der taz die Geschichte der Möbeldesignerin und Architektin CharlottePerriand, der im Salzburger Museum der Moderne derzeit eine Retrospektive gewidmet wird.
Die Adidas-Jogginghose setzt sich ausgerechnet im linksliberalen Kulturmilieu immer weiter als modisches Accessoire durch, beobachtet Sven Behrisch (Zeit). Getragen wird sie aber nicht wegen Style, Form oder Ästhetik, sondern "als proletarischesIt-Piece, als vermeintlich klassensprengende Konfektion, deren Gummibund sich elastisch jeder sozialen Statur anpasst. Auch wenn es Versuche gab, von Marken wie Prada und Balenciaga, die Jogginghose zur Edelklamotte zu adeln - phänotypisch gehört sie nicht auf den Laufsteg, sondern in den Lidl. Sie ist die Hose des Häuserblocks und all jener Menschen, die man in der SPD noch 'Arbeiter' nennt. ... Man tut so, als trage man die Hose als Ausdruck der Zugehörigkeit, der Solidarität mit den Unterprivilegierten, dem Kleinbürgertum", aber diese "Assimilation an die Masse ist nur noch Pose, die Fraternisierung reines Zitat. Tatsächlich trägt man sie als Distinktionsmerkmal."
Dass Ferrari-Traditionalisten auf den neuen, von MarkNewson und JonyIve gestalteten FerrariLuce - kein Verbrenner mehr und auch vom Look her geht er sehr eigene Wege - teils mit ziemlicher Wut reagieren, kann Ulf Poschardt in der Welt zwar nachvollziehen, bleibt selbst aber neugierig: "Das Überall-und-NirgendsdesdigitalenRaums wird in diesem Auto kühl registriert und konsequent umgesetzt. ... Mit diesem Auto kann niemand klassisch angeben. Es wirkt eher wie ein Fahrzeug, für das man sich im Zweifelsfall beinahe schämt, anstatt mit ihm zu protzen. Doch genau darin liegt möglicherweise bereits der Beginn einer neuen Form von Distinktion. Ferrari versucht hier eine Revolution der Distinktion selbst: den demonstrativen Verzicht auf demonstrative Auffälligkeit."
Viel Aufregung um eine Uhr: Wegen der heißbegehrten Baumel-Uhr RoyalPop von Swatch und AudemarsPiguet (hier ein Werbevideo) spielten sich in den letzten Tagen vor einschlägigen Geschäften in den Metropolen teils tumultartigeSzenen ab - "schlechte Laune in Mailand, Eskalation in Liverpool, Meutenbildung in New York, Tumult in Düsseldorf, Tränengas bei Paris, verrammelte Geschäfte, verstörtes Personal und so weiter", fasst David Hugendick in der Zeit die Ereignisse zusammen und staunt über das obskure Phänomen von "Polizeieinsätzen wegen aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus". Vielleicht ja zu Recht?
Das Design-Vorbild, die RoyalOak von GéraldGenta aus dem Jahr 1972, ist jedenfalls ein großer, begehrter Klassiker. Sie wechseln schon mal für 30.000 Euro aufwärts den Besitzer, informiert Max Scharnigg in der SZ. "Die aktuelle Kooperation ist also durchaus wieder ein Coup von Swatch und birgt für Audemars Piguet eine beträchtliche Fallhöhe, vergleichbar mit einem Luxushotel, das plötzlich für zehn Euro Tagestouristen an seinen Pool lässt."
In der tazporträtiert Nabila Lalee die afghanische Modedesignerin Katayon, die vor den Taliban nach Pakistan fliehen musste - dort nun aber aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Pakistan und ihrem Heimatland ebenfalls einen höchst prekären Status hat. Anfangs arbeitete sie noch in Kabul im Verborgenen: "Obwohl in Kabul der Gang auf die Straße inzwischen nur mit vollständig bedecktem Körper und verhülltem Haar möglich ist, präsentiert sie sich auf ihrem Instagram-Kanal in Kollektionen, die so gar nicht in die Welt des Taliban-Emirats passen wollen. Ihre Bilder zeigen knielange Röcke und bunte Stöckelschuhe, offenes Haar und rot geschminkte Lippen. ... Für viele junge Frauen in ihrem Heimatland wurde die selbstbewusste Frau schnell zum Vorbild. 'Ich kriege bis heute so viele Nachrichten von Mädchen, die mir schreiben, dass sie so werden möchten wie ich.'"
"Der DeutscheBundestag ist über die Jahre ein modisches Gruselkabinett geworden", sagt der StilberaterJoeLaschet, Sohn des Armin, im NZZ-Gespräch. "Der Bundestag ist ein bedeutsamer historischer Ort. Manche Abgeordnete sollten sich dies öfters bewusst machen. Man kann die Krawatte von mir aus weglassen. Aber der Anzug ist ein Minimum an Respekt der Institution gegenüber und dem Auftrag als gewählter Politiker."
"Wenn Mode die Verpflichtung hätte, praktisch zu sein, wäre sie sterbenslangweilig", schreibt Julia Werner in der SZ all jenen ins Gebetbuch, die sich zuletzt "wie immer peinlich" darüber amüsiert haben, dass der neue Schuhentwurf von Chanel-Designer MatthieuBlazy keine Sohle aufweist, sondern allein die Fersen bedeckt. "Natürlich ist die um die zarten Fesseln gebundene Fersendeko ein cleverer Reichweitengenerator, denn auf die digitale Empörung der Massen ist in Sachen Markenstärkung Verlass. Aber Slop, also Müll, ist er nicht. Denn er ist auch eine Ode ans Barfußlaufen. ... Denn das verbindet man heute nicht mehr mit straßendreckigen Schluffifüßen, sondern mit der Leichtigkeit des Seins, vorzugsweise im heiligen Urlaub. Schwere Stiefel, Stahlkappen, aufgeblasene Turnschuhe? Tragen eigentlich nur noch Schlachter, Maurer und Ärzte, also Leute mit echten Berufen. Alle anderen mit Bullshit-Jobs und Angst vor der sie auffressenden künstlichen Intelligenz nehmen teil an der großen Verflüchtigung des Alltäglichsten."
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