Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Design und Mode

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2019 - Design

Der Werkstoff Plastik hat einen üblen Ruf bekommen - müsste er aber gar nicht, meint Harald Staun in einem online nachgereichten Artikel aus dem Quarterly-Magazin der FAZ. Erst die haarsträubende Allgegenwärtigkeit und Vermüllung des Stoffs mache Plastik zum Problem. Designhistorisch aber "machte es Objekte möglich, die so schön sind, dass niemand auf die Idee kommen würde, sie wegzuwerfen: das Plexiglas-Dach des Münchner Olympiastadions; den Polyesterstuhl von Charles und Ray Eames; die Acetat-Brillen der Firma Moscot." Und "sicher, seine Produktion verbraucht Ressourcen, die langsamer nachwachsen, als es selbst verrotten kann. Aber andererseits sorgt es eben auch dafür, dass kein Baum mehr gefällt werden muss, um einen Tisch zu bauen, kein Tier verwertet, um einen Schuh zu schustern."
Stichwörter: Plastik, Plastikmüll

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2019 - Design

Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Charlotte Perriand. Un équipement intérieur d'une habitation, Salon d'automne, 1929 © F.L.C. / Adagp, Paris, 2019 © Adagp, Paris 2019 © Jean Collas / AChP

Das ist mal ein Statement: Zum ersten Mal überhaupt stellt die Pariser Fondation Louis Vuitton ihre vier Etagen einer einzigen Person zur Verfügung - namentlich der Designerin Charlotte Perriand, die hier erstmals voll und angemessen gewürdigt wird, freut sich Nina Belz in der NZZ. Die großzügig angelegte Ausstellung gestattet es, "die Vielfalt von Perriands Schaffen nicht nur zu betrachten, sondern auch zu erleben. Und dabei nachzuvollziehen, was diese Frau angetrieben hat, deren Werk sich über siebzig Jahre des 20. Jahrhunderts erstreckt. Perriand konzipierte Wohnungen: Stühle, Tische, Bücherwände, Hocker, aber auch ganze Küchen und Bäder. Außerdem Studentenzimmer, Empfangsräume für Museen und Reiseagenturen, Sozialwohnungen, Krankenhäuser, ein ideales Berghaus und einen Pavillon am Wasser. In Paris darf man manche der rekonstruierten Interieurs betreten und sich auf die Möbel setzen, die Perriand stets mit großer Rücksicht auf den menschlichen Körper entworfen hat."

Zu den Kuratoren der drei gezeigten Perriand-Installationen zählt auch der Schweizer Architekt Arthur Rüegg, mit dem Sabine Fischer gesprochen hat. Es sei ihnen darum gegangen, "über das Verhältnis von Möbel und Raum die Entwicklung der Entwerferin sinnlich erfahrbar" zu machen: "Zuerst die Prägung durch die Welt des Art déco im eleganten Essraum ihrer Studiowohnung hoch über der Place Saint-Sulpice. Dann das Interesse an einem universell einsetzbaren Programm aus standardisierten Elementen und die Begeisterung für den Glanz von Chrom und Glas am Salon d'Automne 1929. Und schließlich die Absage an die Maschinenästhetik und die Hinwendung zu organischen Formen, die ihren Niederschlag im 'Studierzimmer für einen jungen Mann' 1935 auf der Weltausstellung in Brüssel fand."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2019 - Design

Rudolf Horns Experimentalbau Rostock. Foto: Kunstgewerbemuseum Dresden
Enttäuscht kommt Freitag-Kritiker Michael Suckow von Dresden nach Hause, wo er die Rudolf Horn gewidmete Ausstellung besucht hat. So ganz bekommt diese die Arbeit des DDR-Möbeldesigners, dessen bekanntester Entwurf die modulare Schrankwand MDW 60 gewesen ist, nämlich nicht zu fassen. Stattdessen gebe es bloß warme Slogans. "Rudolf Horn selbst bringt das Wesentliche seines Konzepts immer noch am präzisesten auf den Punkt. 'Wohnen als offenes System' und das 'Prinzip Modulbaukasten' haben nicht die visuelle oder die ästhetische Variierung von Räumen und Dingen als Ziel. Sie sollen selbstbestimmtes Handeln der Bewohner und Benutzer von Wohnraum und Einrichtung ermöglichen. 'Der Nutzer als Finalist', Horns Slogan, heißt: Wir gestalten die Bausteine, den Bau schafft ihr euch selbst. Weniger Paternalismus war selten im Design. ... Es steckt ein enormes demokratisches Potenzial in diesem Gestaltungskonzept, das unter der Dominanz des warenästhetischen Stylings im Kapitalismus sich nur rudimentär entfalten kann. Auch in der DDR ist es, aus anderen Gründen zwar, eine konkrete, aber doch eine Utopie geblieben."
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Stichwörter: DDR, Möbeldesign, Horn, Rudolf

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2019 - Design

Die Ausstellung "Fast Fashion - die Schatten seiten der Mode" im Museum Europäischer Kulturen in Berlin gibt Susanne Lenz sehr zu denken: Jede Schulklasse und die gesammelte Fridays-for-Future-Bewegung sollte man hierher bringen, schreibt sie in der Berliner Zeitung, denn gerade die Klimabewegung hat das Thema Kleidung bislang noch gar nicht im Blick: "Dabei ist der CO2-Ausstoß der Modeindustrie höher als der durch internationale Flüge und Kreuzfahrten verursachte zusammen. ... Immer wieder geht es um den Verbleib gebrauchter Kleidung, etwa in der Arbeit des niederländisch-kanadischen Fotokünstlers Paolo Woods. Er thematisiert mit seiner Arbeit 'Pepe' die Rückkehr von Kleidung aus den USA an ihren Produktionsort Haiti. Die T-Shirts mit den dümmsten Sprüchen, die kein Second-Hand-Laden in den USA mehr haben will, werden dann hier verkauft. Sie wirken wie eine Erniedrigung derer, die sie tragen. Ganz abgesehen davon, dass dieser Re-Import haitianischen Schneidern die Existenzgrundlage entzogen hat." Und hinzu kommt noch, dass "die meist in Asien lebenden Textilarbeiterinnen schlecht bezahlt werden und unter schlechten, unsicheren Bedingungen arbeiten."
Stichwörter: Mode, Fast Fashion

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2019 - Design

Pierre Cardin: Kollektion 1968, ©Archives Pierre Cardin, Foto: Kunstpalast

Mit seinen Entwürfen verhalf Pierre Cardin der "Space Age"-Begeisterung der 60er auch in der Mode zum zeitgenössischen Ausdruck, schreibt Rose-Maria Gropp in der FAZ anlässlich der großen Schau, die der Kunstpalast Düsseldorf dem Modedesigner widmet. Diese Ausstellung ist ein "Panoptikum für einen Optimismus, der mit Kunststoffen, die in allen Bonbonfarben quietschten, noch unschuldig Utopien verbinden konnte", meint die Kritikerin. Cardin stattete die Aufbruchsstimmung Jugend der 60er "mit Kostümen des Nonkonformismus aus, im androgynen Habitus, in Lack und Leder, mit dramatischem Zubehör, schwarzen Brillen und markanten Kappen. Manches ist knallbunt, alles figurbetont, genauer hauteng, die selbstbewusste Betonung des Sex ist kalkuliert. ... In Verbindung mit der aufblühenden Pop Art eines Andy Warhol mit ihrer offensiven Liebe zu den banalen Sachen und mit der aufsässigen Musik war das ein explosives Gemisch."

Die taz hat (bereits am Samstag) ein großes Gespräch mit Wolfgang Joop geführt, auf den Trash-Mode-Verkaufshallen wie Primark "wie ein Massengrab" wirken. "Das Traurige ist: Die jungen Leute haben sich die Freude daran nehmen lassen, sich am Samstag fürs Ausgehen anzuziehen. ... Junge Modedesigner mit der Vision, Menschen innovativ und political correct anzuziehen, lernen in diesen großen Unternehmen eine andere Wirklichkeit. Aber es gibt Gott sei Dank auch den Gegentrend: Aus kleinen Ateliers entstehen Mikro-Luxuslabels, deren coole Entwürfe dem Bedürfnis entstammen, Dinge behalten zu können, weil sie inspirieren und wieder Lust auf Mode erwecken."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2019 - Design

Sterling Ruby, 2019
In der Zeit porträtiert Ingeborg Harms den Künstler und Designer Sterling Ruby, der seine Arbeitskleidung 2012 bei Dior herausbrachte und dem der New Yorker gerade in seiner Mode-Ausgabe den Ritterschlag versetzte: "Als Inspiration nannte Ruby die konservative Kleidung der Mennoniten und Amish im ländlichen Pennsylvania seiner Kindheit. Das verrät einiges über das Pathos, mit dem er seine Mode aufladen möchte. Dank des Einsatzes von Enzymen, Mineralien, Bleich- und Färbeprozessen verweist seine Kollektion auf einen weiteren Einfluss: die Popkulturen seiner Jugend. 'Es musste zerrissen oder abgetragen aussehen', sagt der Künstler. Die Farbgebung erinnert an individuelle Skateboard-Bemalung, die Batik-Anmutung an Hippiekleider, die Unordnung an Punk-Ideale - lauter Codes des Selbstgemachten, die sich mit der schlichten, ausdrücklich gegen die Moden gerichteten plain dress-Praxis der Mennoniten überschneiden. Dabei ist es Rubys ganz eigene Art der Camouflage, die ihn vom zeitgenössischen Mode-Frohsinn à la Gucci abhebt. Das Irreguläre und 'Handgemachte' beweist, dass hier einer auf Kunstniveau mit planen Flächen umgeht." (Siehe zu Ruby auch unsere Magazinrundschau vom 3.9.19)
Stichwörter: Ruby, Sterling

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2019 - Design

Aus der Ausstellung "Design des Dritten Reichs". Foto Ben Nienhuis, via Design Museum Den Bosch


Mit seiner Ausstellung zum Design des Dritten Reiches ist dem Designmuseum im niederländischen s'Hertogenbosch zumindest in Sachen internationale Aufmerksamkeit ein Coup gelungen (hier die kritische Besprechung in der New York Times, hier unser erstes Resümee). In der SZ zeigt sich Alexander Menden allerdings ziemlich skeptisch: Die Behauptung der Kuratoren, dies sei "eine Art Komplementärpräsentation zu den diesjährigen Bauhaus-Retrospektiven" findet er "in der Schau selbst nicht eingelöst. Nirgends ist sichtbar, dass das 'gesamte Nachkriegsdesign eine Art Gegenbewegung zu der Ästhetik der Nazis' darstellt, wie der Direktor findet. ... Hochproblematisch ist sie besonders an den Stellen, wo sie sich thematisch mit dem Holocaust berührt. Wer etwa die Ausgehuniform eines SS-Obersturmführers optisch gleichberechtigt in unmittelbarer Nachbarschaft einer Häftlingsuniform aus dem Konzentrationslager Mauthausen positioniert, kann das nicht allein mit drei Absätzen in einem Wandtext unter der Überschrift 'Verführung und Terror' auffangen."

Weiteres: Elisabeth Wagner denkt in einem taz-Essay über die "Frau in Schwarz" nach: Sie "ist der ständige Gast der Mode, ihre Nemesis. Und sie ist eine Provokation, über die man sich lange Zeit am ehesten mit dem Gedanken beruhigen konnte, dass die Frau in Schwarz eine Frau in Trauer ist. Zurückhaltend und zufrieden mit der Rolle der Zuschauerin. ... Welche Gefühle sind zugelassen? Welche Abwehrstrategien sind akut?" Außerdem bespricht Beate Scheder in der taz die im Berliner Museum Europäischer Kulturen gastierende Wanderausstellung "Fast Fashion".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2019 - Design

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Mit über 60 auf den Laufsteg und in die Fotostrecken der Magazine - zumindest Erwin Werder, der eigentlich aus der Architekur kommt, hat das geschafft, nachdem er in einem Club von einer Mode-Agentur angesprochen wurde. Judith Innerhofer hat sich für das ZeitMagazin mit ihm unterhalten. Er glaube "nicht, dass andere Menschen mich wegen meines Alters beurteilen, und ich hatte nie das Gefühl, dass mir mein Alter im Weg steht. Wenn, mache ich mir die Sorgen darüber selbst. Manchmal denke ich, da passe ich nicht hin und manchmal ist es zu keinem Zeitpunkt des Tages ein Thema. Das Alter ist für mich nur von Vorteil. Und ehrlich, wäre ich jetzt 40 Jahre jünger, dann müsste ich - als Model - wesentlich besser aussehen." Bleibt die Frage, wo die weiblichen Models über 60 bleiben.
Stichwörter: Model, Werder, Erwin

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.09.2019 - Design

2009 musste Christian Lacroix in Folge der Wirtschaftskrise sein Haute-Couture-Haus schließen. Vor einigen Tagen jedoch konnte man in einem Betonkeller unter der Bastille-Oper einer kleinen Auferstehung beiwohnen: Zu sehen war dort die Pret-a-Porter-Kollektion für den Sommer 2020 von Dries van Noten, der sich dafür mit Lacroix zusammengetan hatte. Susannah Frankel vom AnOther Magazine war vollkommen hingerissen und bat die beiden zu einem Gespräch, das sie mit einer kleinen Hommage an die Kollektion einleitet: "Alle Lacroix-Merkmale sind da: walzende Polka Dots, breite Streifen, Rüschen, Matadorjacken, Gigot-Ärmel, Seide, in die größere und leuchtendere Blumen gewebt sind als die Natur je vorgesehen hat, Pouf-Röcke, Herzoginnensatin und Ripsbänder - aufgestickt, aufgedruckt oder von Hals- und Taillenlinien, Kragen und Manschetten flatternd. ... Das Vokabular von Dries Van Noten ist durchweg mit dem von Christian Lacroix verschmolzen: Die Jacquards wurden gescannt und erscheinen als Drucke auf Baumwolle und Organza; leichte Polyester aus recycelten Kunststoffflaschen und beschichteten Papieren knistern neben edlen französischen Seiden; sich wellende Schleppen schmücken nichts Feineres als einen Parka, wenn auch in Gold. Weiße Unterhemden sind mit einem einzelnen aufgeplusterten bestickten Ärmel dekoriert, Jeans auf einem Bein mit Federn oder Federprint verziert." Die ganze Kollektion findet man bei der Vogue.

Im Gespräch dann bekennt der aus der Provence stammende Lacroix, dass die Zusammenarbeit mit dem Belgier van Noten erst mal ein Kulturschock für ihn war: "Für mich war der schwierigste Moment das erste Treffen mit dem Team, einem Team, das an seine Zusammenarbeit gewöhnt war, und ich war wie ein Außerirdischer, mit meinem schlechten Geschmack, meinem südkatholischen schlechten Geschmack, der in dieses sehr elegante, nordeuropäische Unternehmen kam. Ich hatte Angst davor, weil ich sie nicht kannte. Was denken sie darüber? Am Anfang wagte ich es nicht, ich selbst zu sein, ich war sehr, sehr schüchtern, ich sagte kein einziges Wort. Schritt für Schritt wurde ich Teil des Teams. Ich hatte nicht erwartet, dass ihre Art zu sein oder zu arbeiten mir so vertraut sein würde. Auch ihre Entscheidungen wie die Wahl der französischen Seiden, die meine eigene Wahl gewesen wären, haben mich beruhigt, und die Idee, die Ripsbänder auf Basics zu drucken - von Sweat- und T-Shirts bis hin zu Jeans - war genial, etwas, auf das ich nie selbst gekommen wäre. Ich liebe es, dass diese Kollektion mich nicht nur im Detail erfasst, sondern auch den Geist dessen, was ich getan habe." Auch in der britischen Vogue gab's ein Interview mit den beiden, dass von einem sehr schönen Foto der zwei gekrönt wird, ebenso in der New York Times. "Sometimes, seeing the familiar from someone else's perspective makes all the difference. Sometimes, engaging in negotiation with a different point of view gives you the best possible result. It's a truism that applies to a lot more than fashion", schreibt dazu Vanessa Friedman in der NYT.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2019 - Design

Kurios, dass eine Ausstellung über Design im Nationalsozialismus als erstes in den Niederlanden stattfindet, meint Bernhard Schulz im Tagesspiegel und wünscht sich dringend, dass die Ausstellung auch hierzulande Station macht. Zu sehen gibt es hier ein Regime, das alles, was gestaltbar ist, in den Dienst des völkischen Projekts und der nationalen Mobilmachung stellt, und dabei durchaus differenziert: Völkischer Tand für die Landbevölkerung, urbane Eleganz mit Hakenkreuz für die Stadt: "Es ist dieser Doppelcharakter von Volkstums-Ideologie und technisch-effizienter Moderne, der die Gestaltung unter dem NS-Regime kennzeichnet. Für jede Zielgruppe der 'Volksgemeinschaft' wurde die passende gestalterische Ansprache gefunden. ... Doch alle Schichten trafen sich in der Sucht nach Gepränge, nach Uniformen, Abzeichen, Aufmärschen, nach Sich-groß-Fühlen."
Stichwörter: Nationalsozialismus