Wo wir nicht sind

Alle drei Lais

Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Benita Berthmann
28.07.2025. Lai Wen hat als Studentin das Massaker am Tian'anmen-Platz überlebt. Ihre Heldin, die sicher nicht zufällig auch Lai heißt, wächst in den 1970ern und 80ern in Peking auf, ist dort eine kluge Studentin und  war ebenfalls auf dem Tian'anmen-Platz. Davon erzählt Wen in einem einfachen und zurückgenommenen, aber nicht reizlosen Stil.
Lai Wen wurde 1970 in Peking geboren und hat als Studentin das Massaker am Tian'anmen-Platz miterlebt. Ihren ersten Roman hat sie in England geschrieben, wo sie seit vielen Jahren lebt. Thematisch kehrt sie aber nach China zurück: Ihre schüchterne Protagonistin, die sicher nicht zufällig auch Lai heißt, wächst in den 1970ern und 80ern in Peking auf, ist dort eine kluge Studentin und  war ebenfalls auf dem Tian'anmen-Platz . Davon erzählt Wen in einem einfachen und zurückgenommenen, aber nicht reizlosen Stil.

Sie lebt mit ihren Eltern, ihrem jüngeren Bruder und ihrer Großmutter in einer Wohnung in einem kleinbürgerlichen Pekinger Stadtviertel. Letztere ist als Mater familias alles, was der chinesische Staat nicht ist: Sie gibt Nahrung, Wärme und Liebe, "ihre sonderbare und geisterhafte Macht" flattert durch Lais Leben, sie ist 1921 geboren und hat sich gegen die traditionsreiche Praxis gewehrt, dass ihr die Füße abgebunden werden - zu einer Zeit, in der das seit 1911 bestehende Verbot vielfach noch heimlich umgangen wurde, um die Heiratschancen der Mädchen zu erhöhen.

Die Geister von gestern spuken auch politisch durch das Leben der Familie: Der Staat ist nach wie vor vom Nachwirken Maos, des "großen Steuermanns" geprägt, Lais Vater ist während der Kulturrevolution mit den Behörden in Konflikt geraten, was nicht genauer erklärt wird, aber es muss einschneidend bis traumatisch gewesen sein.

"Himmlischer Frieden" ist ein Buch, ähnlich wie "The Great Gatsby", bei dem die Nebenfiguren eigentlich viel spannender sind als die Protagonistin, aber gerade das gibt der Geschichte einen äußerst lebensechten Anstrich. Lai hat eine überzeugende Art, in der zweiten Reihe zu stehen.

Die "seltsame, aalglatte Angst", die schon das Leben des Vaters prägt, befällt nach einem Vorfall auch seine Tochter: Ein Konvoi mit amerikanischen Politikern passiert Peking, die Freundesgruppe um Lai hat es sich irgendwie in den Kopf gesetzt, auf Kinderart zu revoltieren und die Autos beim Vorbeifahren zu stören. Die Kinder werden erwischt und zum ersten Mal bricht sich die Macht des Staates nicht nur unterschwellig Bahn in diesem Roman, durch den die Bedrohung durch die Obrigkeit ständig als Unterströmung rauscht. Lai wird von einem Polizisten die Schulter ausgekugelt, den ich mir als einen plumpen, mittelalten Mann mit ausgeprägt maoistisch-sadistischem Über-Ich vorstelle. Für ihn ist selbst der kindliche Drang zur Provokation "nie nur ein Spiel. Nichts ist nur ein Spiel. Wessen Idee war es? Wer hat sich einen solchen konterrevolutionären Plan ausgedacht? Dem Geist des Staates zu trotzen, der sein wohlwollendes Licht auf alle loyalen Bürger scheinen lässt? Wer steckt hinter diesem unverfrorenen Akt antipatriotischer Sabotage?'"

Der Mittelteil des Romans widmet sich der Schulzeit Lais und illustriert die Absurdität des chinesischen Systems anhand einer Heldengeschichte, die die Lehrerin erzählt: Lei Feng ist ein Soldat, der es sich, um dem kommunistischen Fortschritt nicht zu schaden, nicht erlaubte, vom Staat eine neue Zahnbürste anzunehmen und sich stattdessen mehrere Jahrzehnte mit ein und demselben Holzgerippe die Zähne malträtiert. Die Lehrerin erzählt den Kindern davon, als wäre Lei Feng ein löbliches Vorbild, Lai ist zurecht massiv irritiert.

Auch der Besuch beim aufgebahrten Großen Steuermann in seinem Maosoleum frustriert. Man guckt durch das Buch in die langen Gesichter der Jugendlichen, die eine Erfahrung erwartet haben, die deutlich beeindruckender ist als "ein eher korpulenter alter Mann in einem grauen Anzug, der auf dem Rücken lag. Sein Gesicht sah so aus, als wäre es mit dem gleichen Orangeton beschichtet wie der Rest des Raums. Im ersten Augenblick war ich mir sicher, dass ich nur auf eine Art Puppe schaute; diese Gestalt konnte nicht echt sein, sondern nur eine Wachsfigur, die als Ersatz für den verstorbenen Anführer diente. (…) Er sah gewöhnlich aus." Der Kaiser hat ja gar nichts an.

Lai ist zu diesem Zeitpunkt unzufrieden, weiß aber natürlich, dass sie kaum eine Chance hat, sich gegen die Übermacht der Diktatur zu wehren. Genau deswegen kann man sich allerdings auch gut mit ihr identifizieren, würde ich sagen, sie ist keine große Widerstandskämpferin, traut sich insbesondere nach der Episode in ihrer Kindheit nicht, den Mund aufzumachen und steht so für die breite Masse an jungen Leuten, die keine Lust auf ihre Regierung haben und ebenso wenig Lust darauf, für ihre Meinung eingesperrt zu werden,und die sich deshalb entschließen, einfach auszuharren. Sie nimmt keine exponierte Sonderstellung ein. Und so erzählt Lai Wen die Geschichte einer ganz gewöhnlichen Person und nicht die hundertste Heldengeschichte, in der wieder jemand ganz unvorstellbare Dinge vollbringt.

Eine der spannenden Nebenfiguren ist Anna, die sich Lai in der Pekinger Universität als Madam Macaw vorstellt, die Anführerin der Theatergruppe "Madam Macaws Murrende Marodeure". Sie erinnert an die Grinsekatze aus Alice im Wunderland, sie ist verrückt, überraschend und surreal komisch. Anna crossdresst und performt sehr überzeugend. Sie behauptet, ihr Ex-Freund, ein Professor an der Uni Peking, hätte einen Luftballon-Fetisch und hat auch kein Problem damit, ihn einfach zum Spaß bei seinem Vorsitzenden anzuschwärzen oder in einem bizarren Streich Ballons an sein Auto zu hängen, auf denen steht, er hätte mit seinen Studentinnen geschlafen. Anna, oder Madam Macaw, sagt, was sie denkt, aber ich habe beim Lesen trotzdem das Gefühl, sie nicht durchschauen zu können, nicht zu wissen, ob das, was sie denkt und sagt, auch tatsächlich das ist, was sie fühlt, und so wird es wohl auch Lai gegangen sein. In einem wilden Plot- und Geschichtstwist, der hier natürlich nicht verraten werden soll, verschwindet Anna im Zusammenhang mit dem Massaker aus dem Leben der Protagonistin, aber die enigmatische Spur, die sie hinterlassen hat, bleibt.

Grund zum Seufzen bietet der didaktische Modus, den Wen des Öfteren einschlägt: Das Buch ist offensichtlich für den westlichen Buchmarkt geschrieben worden: Die Autorin hat es nicht in ihrer Muttersprache verfasst, sondern auf Englisch, übersetzt hat es Judith Schwaab. Für chinesische Leserinnen und Leser hätte sie weder Mao noch die Praxis und Hintergründe des Füßebindens erklären müssen, allerdings hätte das Buch in China wohl kaum erscheinen können. Die Regierung unterbindet auch heute noch jedes Gedenken an das Massaker und hat vor wenigen Jahren wohl sogar Konten chinesischer Demokratieaktivisten bei Twitter sperren lassen, was von Twitter jedoch bestritten wird. Inhalte im Internet, die nur entfernt mit dem Massaker zu tun haben, werden für chinesische Nutzerinnen und Nutzer sofort blockiert. Dass schon der Titel auf den Tiananmen-Platz verweist, lässt denken, dass sich das Buch vor allem damit befasst, mich hat es in die Irre geführt, da das Massaker sich erst auf den letzten hundert von über fünfhundert Seiten anbahnt und ereignet.

Auf den letzten Metern des Romans zieht die Autorin noch eine Meta-Ebene ein, die eine der spannendsten, produktivsten Irritationen des Buchs erzeugt. Ihre Figur taucht im Epilog als Autorin des vorliegenden Romans auf und reflektiert die Freundschaft zu Anna, Madam Macaw. Die Erinnerung an sie strukturiert auch mehr als dreißig Jahre später noch ihr Leben. Die tatsächliche Autorin gibt ihrer Geschichte damit den Anstrich der faktenbasierten Legitimation, die sie allerdings im Nachwort sofort wieder einreißt: Dort weist sie das Buch als fiktional aus. Die faktuale Autorin schreibt eine fiktive Autorin, die eine Figur schreibt, die ihre Geschichte erzählt, alle heißen Lai und alle drei Lais sind matroschkaartig verschachtelt, aber der Grad, in dem das passiert, ist faszinierend unklar und lässt rätseln, was hier nun stimmt und was fabuliert ist.

Was jetzt literaturwissenschaftlich-trocken klingt, ist ziemlich spannend. Wen setzt sich im Nachwort in Verbindung zu Elena Ferrante. Wie auch bei Elena Ferrante ist die tatsächliche Identität Lai Wens nicht geklärt, es gibt keine Fotos von ihr, keine Spuren, keine Sicherheit, aber viel Anlass, den literaturdetektivischen Spürsinn auszubilden. Auch aufmerksamkeitsökonomisch und legitimationsstrategisch ist diese Verbindung zu Ferrante also clever, auch wenn sich Wen ganz bescheiden gibt: "Natürlich sind Ferrantes kühner Stil und die Schönheit ihrer Prosa unerreicht. Doch ich ließ die Geschehnisse rund um die Erzählerin lose auf meinen eigenen Erlebnissen und dem, was mir widerfahren ist, basieren und konnte mich zugleich als Autorin von den geschilderten Ereignissen lösen, um ihnen das Funkeln und die Farbigkeit eines fiktiven Werkes zu schenken."

Vielleicht haben wir es bei der Autorinnenpersona auch mit einem Kollektiv zu tun, wie es Maxim Biller schon bei Elena Ferrante gemutmaßt hat. Die Vorstellung, mehrere Autorinnen und Autoren hätten ihre Eindrücke aus dieser Zeit übereinandergelagert und die stärksten, am häufigsten geteilten Elemente hätten die Figur Lai ergeben, könnte erklären, dass dabei eine ganz durchschnittliche und deshalb nachvollziehbare Figur herausgekommen ist. Sie würde dann eben die Charakterzüge aufweisen, die die allermeisten Menschen mit ähnlichen Erfahrungen teilen.

Es mag widersprüchlich klingen, dass ich die Protagonistin Lai einerseits als Identifikationsfigur beschreibe und andererseits davon spreche, wie sich die gleichnamige Autorin einer Identifikation entzieht. Wenn man das nicht nur als Marketingtrick verstehen will, lässt sich in "Himmlischer Frieden" möglicherweise eine Art produktive Ästhetik der Irritation ablesen. Die Frage, wie wir Identität verstehen, stellt sich hier ganz unvermittelt. Das Ich, das über ein Erlebnis wie das Massaker spricht, ist nicht das Ich, dem das tatsächlich widerfahren ist, und es ist noch weiter weg, wenn sich eine erzählerische Instanz dazwischenschaltet. Die Distanz zwischen den verschiedenen Ichs ist nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine psychologische. Das gilt nicht nur für Schriftstellerinnen, sondern für alle, die sich fragen, wie sie ihre eigene Geschichte erzählen sollen, nicht nur als Roman. So hat Wen ein Lehrstück über die Unverfügbarkeit von Identität und Wahrheit - nicht nur in der Literatur - vorgelegt.

Wichtiger als die Frage nach der Identität der Autorin, sind sicherlich die Fragen, die sie anstößt. Einen gut lesbaren Roman hat sie allemal geschrieben. Die Protagonistin Lai wirkt echt, denn sie ist genauso ambivalent, genauso ängstlich, genauso ohnmächtig wie wohl 98 Prozent aller Menschen in dieser Lebensphase, was den Lauf der Dinge betrifft. Und man läuft gerne mit ihr durch Peking, auch wenn das Wetter so drückend ist, "als wäre man in einer dicken Erbsensuppe unterwegs".

Lai Wen: Himmlischer Frieden. Roman. Aus dem Englischen von Judith Schwaab. Ullstein Verlag, Berlin 2025, gebunden, 560 Seiten, 24,99 Euro (bestellen)