Wo wir nicht sind

Kartierung der Verletzungen

Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Benita Berthmann
03.09.2025. Jorge Barón Biza erzählt in seinem einzigen, stark autobiografisch gefärbten Roman vom Säureattentat des Vaters auf seine Mutter, vom Leben danach, den Operationen und der Veränderung ihres Gesichts, diesem "Faltenwurf einer vulkanischen Aktivität", aber auch vom Leben im Exil, zu dem die antiperonistischen Eltern gezwungen waren.
Jorge Barón Biza schreibt in seinem einzigen, stark autobiografisch gefärbten Roman seine eigene Geschichte, aber noch viel mehr die seiner Eltern nieder: Sein Vater hat einen Säureangriff auf seine Mutter verübt, als sie die Beziehung zum wiederholten Male beenden wollte. Die plastische Chirurgie ist auf Jahre damit beschäftigt, ihr wieder ein Gesicht und eine Stimme zu geben. In dieser Zeit weilt der Sohn am Krankenbett der Mutter, flüchtet sich aber auch zunehmend in Alkohol und Eskapaden mit Prostituierten - und in einen Text, der die Leserinnen und Leser taumelnd zurücklässt.

Jorge Barón Biza wird 1942 in Argentinien in komplizierte Familienzusammenhänge und vielleicht noch kompliziertere und instabilere politische Verhältnisse geboren, beides zieht sich im Laufe der knapp sechzig Jahre seines Lebens zu einer unguten Schlinge zusammen, aus der er nicht entkommen kann. Es gibt weder einen deutschen noch einen englischen Wikipedia-Artikel zu ihm, er müsste enigmatisch bleiben, gäbe es nicht diesen Roman, der so viel über seinen Autor verrät. Nicht, weil sich die Geschehnisse eins zu eins übertragen ließen, sondern weil sich beim Lesen das Gefühl einstellt, er hat sein Inneres, sein Lebensthema mit voller Kraft in jede Zeile geworfen.

Eligia, wie die Mutter im Buch heißt, ist gerade einmal 16 Jahre alt, als der 20 Jahre ältere Arón mittels Heirat Besitz von ihr ergreift. 28 Jahre dauert die Beziehung, oft will sie sich scheiden lassen, kehrt aber immer wieder zu ihm zurück. Wahrscheinlich ist sie so traumatisiert, dass sie sich trotz der erheblichen Gefahr nicht von ihm lossagen kann. Der Ich-Erzähler Mario, Alter Ego des Autors, hat ein seltsam distanziertes Verhältnis zu den Eltern, das sich in seiner Form der Sprachverwendung niederschlägt, die Frank Wegner hochmelodisch und in all ihrer ins Fleisch schneidenden Drastik ins Deutsche übersetzt hat.

Nach 28 Jahren scheint Eligia der Absprung endlich zu glücken, sie unterschreibt die Scheidungspapiere in Aróns Wohnung, doch als schon alles geklärt zu sein scheint, überschüttet er sie mit Säure: "Eligias arglos sinnliches Gesicht nahm Abschied von seinen Formen und Farben", kommentiert Mario dieses Verbrechen wie einen schrecklichen Akt der Schöpfung. Eine "neue Wirklichkeit" entsteht, die das alte Gesicht ebenso wie das alte Leben dem Nichts überantwortet. Der Ton des Buches ist damit gesetzt und auch die Spannungslage, die Barón Biza aufmacht: Nicht die verletzte Frau darf hier ihre Geschichte erzählen, es ist der Sohn, der die Geschehnisse mit einer Abstraktheit und poetischen Gabe schildert, die zeigt, wie ein Haustyrann wie Arón mit einem Säureangriff nicht nur ein Leben kaputt macht. Ich habe bei der Lektüre nicht das Gefühl, dass sich ein männlicher Erzähler einfach vor das weibliche Opfer schaltet, um ihr ihren Platz streitig zu machen, eigentlich passiert das Gegenteil. Erst dadurch, dass der Sohn als unmittelbarer Beobachter spricht, wird wirklich deutlich, dass ein solches Trauma sich unmöglich auf die Person begrenzt, die es am eigenen Leib erlebt. Die Tat des Vaters und ihre Auswirkungen sind ansteckend für alle, die eine emotionale Beziehung zu ihm haben und sein Sohn hat sie ganz bestimmt, trotz der Gewalt, der Brutalität, die diese Beziehung nur komplexer und verworrener machen. Vielleicht wählt Mario auch deshalb eine Sprache, die nicht gefühlsbetont agiert, sondern das sich verändernde Gesicht der Mutter analysiert wie ein Kunsthistoriker oder ein Geologe. Die derart verschobene Erzählweise soll den Raum zurückholen, den die emotionale Nähe zum Geschehen verbaut hat.

Die Säure in Eligias Gesicht hinterlässt Spuren, die Mario wie eine Art 'Work in Progress' fasst, durch die dauernden chirurgischen Prozeduren ändert sich die Zusammensetzung der Haut aus vernarbtem und wieder heilendem Gewebe stetig: "Wenn es unterschiedliche Farbintensitäten gab, glichen sie sich in der Weise aus, dass um ein sehr kräftiges Purpur herum ein blässliches Violett entstand. Wenn das Gleichgewicht zweier Flecken sich verschob, bis ein Farbton den anderen beherrschte, kehrte sich die Situation mit dem nächsten Eingriff um." Er macht das Schreckliche mit seiner künstlerischen Semantik nicht kunstvoller, sondern stellt den Schrecken gerade durch die Diskrepanz zwischen schmuckvoller, ornamentaler Kunst-Sprache (im mehrfachen Sinne) und krankhafter Hautveränderung aus. Er gibt sich dieser Sprache hin "in dem sehnlichen Wunsch, aus den Pinselstrichen möge Harmonie entstehen".

Die Veränderungen in Eligias Gesicht werden wie die Entstehung einer neuen Galaxie geschildert, das Gesicht ist ein fremder Planet, eine Kraterlandschaft, auf der sich chemische Experimente vollziehen. Schaut Mario es an, sieht er den "Faltenwurf einer vulkanischen Aktivität, der bereits erkaltet und wie für die Ewigkeit gemacht schien, fest, unverrückbar und ausdruckslos wie die Wüste". So verblüffend es ist, wie Barón Biza den Verätzungen die Wendung ins Malerische geben kann, so sehr drohen die Metaphern bisweilen den Text zu überfrachten. Besonders irritierend ist das, wenn er die Wunden als "wilde Malerei eines von seiner Schaffenskraft berauschten Künstlers" ausweist - ist der Vater der Schöpfer dieser Gesichtslandschaft oder die Säure oder schafft die Mutter sich selbst neu? Letzteres wäre wohl die optimistische Interpretation, die Interpretation der Figur als eine Frau, die aus einem Schicksalsschlag die Motivation zieht, sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Zu dieser Art kitschigem Optimismus gibt das Buch keinen Anlass.

Dass der Vater sich in Anbetracht seiner Tat kurzerhand mit einem Kopfschuss selbst hingerichtet hat, lässt der Erzähler wie nebenbei, ganz lakonisch fallen. Er ist mit dem Überleben seiner Mutter und der Rekonstruktion ihres Gesichts beschäftigt, erst im weiteren Verlauf des Romans kommt er dazu, diese zweite Tat zu reflektieren, in der der Vater seine Aggression auf ultimative Weise gegen sich selbst richtet: "Jahre später, als ich die Akten zu seinem Selbstmord durchging, sah ich die gerichtsmedizinischen Fotografien: Arón im Bett sitzend, in einem sehr imposanten Morgenrock aus Kamelhaar mit Fransen aus schwarzer Seide. In der einen Hand ein Glas Whisky, in der anderen eine massive 38er." Der Anblick dieser Fotografien schlägt wie ein Beil in sein Leben und in den Text.

Bei der Lektüre kämpfe ich die ganze Zeit mit dem Gefühl, das Buch weglegen zu wollen. Nicht, weil es schlecht geschrieben oder uninteressant wäre, sondern weil der Ton des Buches ein zudringlicher, zumutender ist. Das Sirren der Sätze verfolgt mich wie die medizinischen Apparate, ihr steriles Piepsen, Mario verfolgt, der im Alkohol Ausflüchte sucht. Erholung findet er in den whiskeygesättigten Nächten nicht, stattdessen eine Prostituierte, mit der gemeinsam er austestet, wie weit (er mit) Gewalt gehen kann. Nicht alle seiner Eskapaden sind nachvollziehbar, aber das ist einer der großen Gewinne dieses bedrückenden Buches: Der Autor zeigt Trauma nicht als Möglichkeitsraum, nicht als Katalysator für eine umwerfend inspirierende persönliche Entwicklung seiner Figuren, sondern als alles verätzende Katastrophe. Versöhnung ist sein Anliegen nicht, auch die Anklage nicht, sondern die Kartierung der Verletzungen psychischer und physischer Natur, bei den direkten und den indirekten Opfern dieser Tat.

Das beeindruckt durch die Konsequenz, mit der der Autor sich und seine Figuren dieser wenig beruhigenden Tatsache stellt. Es gibt keine Chance für sie und trotzdem verzichtet er darauf, lustvoll auf die Leiden seiner Figuren zu schauen und sich daran zu ergötzen. Das ist ein  angenehmer Kontrast zu den zahlreichen Trauma-Porn-Büchern, die Autorinnen wie Hanya Yanagihara vorgelegt haben: In ihrem epische Ausmaße annehmenden Roman "A Little Life" steht ein schwuler Mann im Mittelpunkt, dessen Leben aus einer Aneinanderreihung von Katastrophen von Kindesmissbrauch über Todesfälle und Selbstverletzung bis zu homophober Gewalt besteht. Yanagihara scheint es Freude zu bereiten, in jedem Kapitel ein neues Trauma aus dem Hut zu zaubern, das ihre Figur näher und näher an den endgültigen Zusammenbruch führt. Die Figuren haben keine Identität außerhalb der Traumata.

Das ist bei Barón Biza anders. Auch hier stehen die traumatischen Erfahrungen an zentraler Stelle, aber sie sind nicht einfach narrative Strategie, um die Leser in Trauer und Schock zu versetzen. Es geht nicht darum, möglichst breit gestreutes Aufsehen dadurch zu erzeugen, dass vermeintliche erzählerische Tabus gebrochen werden, indem einfach besonders gewaltvoll erzählt wird. Trauma ist hier eine Struktur, die größer als die Figuren ist, sie aber doch nie völlig ausfüllt. Der Säureangriff findet 1964 statt, die Geschichte Argentiniens grätscht in sämtliche Biografien, auch wenn ein überwiegender Teil der Handlung im seltsam labyrinthisch anmutenden Mailand spielt, wo Eligia in einer Spezialklinik liegt. Sie ist eine Intellektuelle, Pädagogin, Antiperonistin, was man sich ein wenig aus den Brotkrumen zusammensuchen muss, die das Buch an politischen Kontexten liefert, für argentinische Leserinnen ist das sicher deutlicher. Der Vater ist Revolutionär und in erster Linie gegen alles, das bringt ihm lange Zeiten in Haft und im Ausland ein. Schon als kleiner Junge kommt Mario mit Eligia ins Frauengefängnis, später leben sie in Montevideo im Exil, er geht kurzzeitig in der Schweiz zur Schule.

Das Land wird der Familie gerade dadurch zum Schicksal, dass sie eigentlich kaum da sind und dennoch alle einschneidenden Erlebnisse sich dort abspielen. Es ist Aróns Wohnung in Buenos Aires, in der die Scheidungspapiere unterschrieben werden, es ist seine Wohnung, in der er erst seine Frau mit Säure attackiert und sich dann das Leben nimmt. Es ist seine Wohnung, in die Eligia nach den jahrelangen Prozeduren zurückkehrt und das Leben nach der Attacke doch nicht zu bewältigen weiß. Und doch sind alle Beteiligten nicht nur Traumatisierte, sondern Intellektuelle, Bonvivants, Gewalttäter, Belesene, Schriftsteller, Akademiker, Journalisten. Diese mehrsträngige Struktur ihrer Identitäten, Person und Land, Trauma und Leben, wird gerade durch die Verfremdung der Sprache klar, nicht durch plumpe Schilderungen des Geschehens.

Die Last dessen, was passiert ist, können weder Mario noch der Text abschütteln, "Mir ist klar, dass mich diese Öffnung auf den Abgrund mein restliches Leben begleiten wird", heißt es zum Ende hin. Dass dieses restliche Leben nach dem Schreiben für den Autor nicht mehr so lange dauern wird, erfahren wir aus dem Nachwort des argentinischen Schriftstellers Alan Pauls. Er rekapituliert das Leben Jorge Barón Bizas, das stetig ziemlich nahe am Abgrund entlangstolpert und mit dem seines Protagonisten fast komplett übereinstimmt. Er hat sich und seine Lebensgeschichte dem Text überantwortet. Es ist sein einziges Buch geblieben, dieser verbissene, mit sich selbst ringende Text ist sein Opus Magnum. Drei Mitglieder seiner Familie haben sich das Leben genommen, bevor er als vierter folgt: Mit knapp 60 Jahren stürzt er sich aus dem Fenster seiner Wohnung, die Entscheidung dazu kam wohl nicht nur aus psychischen Gründen zustande, sondern auch wegen eines durch seine Alkoholkrankheit beschleunigten körperlichen Leidens. Alan Pauls nennt es "das Buch, das über seinem Autor zuschnappt wie eine Falle": Dieses Buch ist so außergewöhnlich, er hätte ein solches Werk nicht noch einmal schreiben können. Wie gut und wie aufwühlend, dass ihm dieser Wurf gelungen ist.

Jorge Barón Biza: "Die Wüste und ihr Samen". Roman. Aus dem Spanischen von Frank Wegner. Mit einem Nachwort von Alan Pauls. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, gebunden, 268 Seiten, 24 Euro (bestellen)

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