Wo wir nicht sind

Das Geheimnis der Welt

Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Thekla Dannenberg
22.07.2025. Die mexikanische Historikerin und Schriftstellerin Cristina Rivera Garza erinnert mit diesem Buch an ihre dreißig Jahre zuvor ermordete Schwester. "Lilianas unvergänglicher Sommer" beginnt als Ermittlung, wandelt sich zu einer Reflexion über Gewalt und Freiheit und endet als trostreiches Buch über Trauer, Liebe und Freundschaft.
Es ist unmöglich, über die Gewalt an Frauen in Mexiko nachzudenken, ohne dass einem Roberto Bolaños Riesenroman "2666" in den Sinn kommt. Das dunkle Herz dieses abgründigen Werks bildet eine Mordserie in Santa Teresa, der in den neunziger Jahren mehrere hundert Frauen zum Opfer fielen. Mit Santa Teresa schuf Bolaño eine fiktive Version der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez, einer von Ausbeutung und Frauenverachtung verheerten Exklave amerikanischer Billiglohnfabriken. Ermordet wurden meist arme Frauen, die sich in den Maquiladoras oder in den Bordellen der Grenzstadt verdingt hatten. Sie wurden vergewaltigt und verstümmelt, ihre Leichen wurden auf der Müllkippe oder im Abwasserkanal entsorgt. Auf über dreihundert Seiten führt Bolaños die bestialischen Arten vor, auf die Frauen ermordet werden: von Drogenbossen und Fußsoldaten, von Zuhältern und Freiern, von Ehemänner, Freunden und Liebhabern. Junge und alte Frauen, manche noch Kinder. Sie werden ermordet, weil sie sich trennen oder weil sie heiraten wollten, weil sie schwanger sind oder weil sie keine Kinder wollen, weil sie fremd gehen oder weil sie Treue einfordern, weil sie am Abend zu lange ausbleiben oder weil ihr Typ in der Cantina zu viel getrunken hat. Tag für Tag und Nacht für Nacht spuckt dieses Gewaltsystem einer machistischen Gesellschaft seine Todesopfer aus wie die Maquiladoras ihre Exportprodukte.

Der Schrecken, den Bolaños entfaltet, ergibt sich aus der schier unaufhörlichen Serie von Gewaltfällen wie auch aus der Ignoranz, von der sie begleitet wurden. Die Behörden nahmen die Fälle auf, erstellten eine Akte und gaben nach wenigen Tagen die Suche nach den Tätern auf - aus Inkompetenz, Korrumpiertheit und Desinteresse. Eine einzige Journalistin aus Mexiko-Stadt recherchiert zu den Morde, gequält von Angst und Verzweiflung. Bolaño lässt sie wegweisen Worte sagen: "Niemand schenkt den Morden Beachtung, dabei liegt in ihnen das Geheimnis der Welt verborgen."

In ihrem Buch "Lilianas unvergänglicher Sommer" erwähnt Cristina Rivera Garza Bolaños Roman mit keinem Wort, doch untergründig erscheint ihr Memoir als das genaue Gegenstück. Während Bolaño den systemischen Gewalt- und Ausbeutungsverhältnissen der amerikanisch-mexikanischen Ökonomie nachspürt, blickt Rivera Garza auf die menschlichen Dimensionen eines einzigen Falls: Ihre jüngere Schwester Liliana wurde im Juli 1990 ermordet. Sie war zwanzig Jahre alt, studierte Architektur in Mexiko-Stadt und führte das Leben einer selbstbewussten, unabhängigen jungen Frau. Getötet wurde sie von ihrem Ex-Freund, der eben diese Eigenständigkeit nicht akzeptieren wollte. Die Fakten zu diesem Fall scheinen mehr oder weniger geklärt: Die Polizei hat Ángel González Ramos als Täter ermittelt und zur Fahndung ausgeschrieben, sich aber nicht um seine Festnahme bemüht und den Fall nach wenigen Tagen - als Totschlag - zu den Akten gelegt.

Fast dreißig Jahre später, im Jahr 2019, macht sich Cristina Rivera Garza daran, den Mord an ihrer Schwester neu zu untersuchen. Sie ist Historikerin, in Mexiko eine bekannte Autorin und erkennbar ermutigt von den feministischen Schriften und Aktionen, die der unerträglichen, meist straflos bleibenden Gewalt an Frauen in Mexiko etwas entgegenzusetzen versuchen. Obwohl der Femizid seit 2010 in Mexiko als eigener Strafbestand geahndet wird, wurden zwischen 2018 und 2020 noch immer 11.200 Frauen und Mädchen getötet - das sind mehr als zehn Frauen pro Tag. Doppelt so viele Frauen sind verschwunden (mehr dazu hier).

Rivera Garza ist über fünfzig, aber die Power der jungen Frauen setzt sie neu in Gang. Die unvergessliche Performance chilenischer Feministinnen "Un Violador en tu camino" gibt den Takt vor, im Text heißt es: "Der Staat ist ein Richter / der uns bei der Geburt richtet / und unsere Strafe / ist die Gewalt, die du siehst." Rivera Garza fordert im Oktober 2019 von der Staatsanwaltschaft Einsicht in die Ermittlungsakten. Ihrem Gesuch wird von einer wohlwollenden Staatsanwältin stattgegeben, aber finden muss sie die Akte 40/913/990-07 selbst. Von der Generalstaatsanwaltschaft macht sie sich auf zur Generaldirektion für Polizeiliche Kriminalstatistik, von wo sie zum 22. Abschnitt geschickt wird, der für den Bezirk Azcapotalco zuständig ist, wo die Schwester ermordet worden ist. In Azcapotalco, einem bürgerlichen Außenbezirk der Hauptstadt, verweist man sie an den 40. Abschnitt/Direktion 3, die Staatsanwaltschaft für ungeklärte Kriminalfälle. Und so weiter.  Niemand weist sie rüde ab, alle äußern Mitgefühl, aber keiner ist verantwortlich. Am Ende bescheidet ihr eine Beamtin: "Keine Akte ist unsterblich."

Nach einem Tag vergeblicher Suche gibt Rivera Garza auf und schlägt einen anderen Weg ein. Auch das Buch ändert damit seine Richtung. Was als Ermittlung begann, wandelt sich zu einem Buch der Erinnerung, der Reflexion und vor allem der Trauer. Auf die Akten wird es nicht wieder zurückkommen. Mit Hilfe von Tagebüchern, Briefen und Erinnerungen rekonstruiert Rivera Garza das Leben ihrer Schwester Liliana. Es entsteht das berührende Bild einer jungen Frau, die dem Leben voller Abenteuerlust, Kreativität und Poesie gegenübertrat. Ein wenig exaltiert vielleicht, immer direkt und manchmal vielleicht etwas grob, aber voller Leidenschaft für die Architektur und die Literatur.

Sie verehrt Kafkas Gefährtin Milena Jesenská, von der sie mitnahm, gegen Unrecht und Gewalt auf Liebe und Freundschaft zu setzen. Einer unglücklich verliebte Freundin schickt sie das trostreiche Zitat von Albert Camus, das dem Buch den Titel gab: "Im schlimmsten Winter erfuhr ich endlich, dass in mir ein unvergänglicher Sommer ist." Ihre Freunde an der Universität waren alle in sie verliebt, die Freundinnen eigentlich auch. "Mit Liliana war alles bedeutsam, wichtig und bewegend", erinnert sich eine, eine andere dachte, als sie Liliana zum ersten Mal sah: "Da geht eine freie Frau."

Liliana war in ihrer Unizeit mal mit dem einem Jungen zusammen, mal mit dem anderen. Sie genoss für mexikanische Verhältnisse eine ungewöhnliche Freiheit. Doch wie ein Schatten lag über ihrem Leben ihr Ex-Freund Ángel aus der Heimatstadt Toluca, mit dem sie in ihrer Schulzeit zusammen gewesen war und der sie auch in Mexiko-Stadt immer wieder besucht, um nicht zu sagen heimsucht. Die Freunde an der Uni sind ihm alle einmal begegnet und sie verachten den ungebildeten Angeber aus der Provinz, der sich mit Motorrad und Lederjacke aufspielt und immer wieder Ansprüche erhebt. Was die selbstbewusste Studentin mit diesem unsympathischen Kerl verbindet, bleibt das unergründete Geheimnis, um das Rivera Garzas Buch kreist: Mitleid? Scham? Angst? "Ich kann es nicht ab, so geliebt zu werden", notiert Liliana an einer Stelle in ihrem Tagebuch, an einer anderen: "Ich war zu hart zu ihm."

Die sonst so offenherzige und eloquente Liliana spricht mit niemanden über Ángel. Ihr Umkreis bekommt mit, wie Angel sie beherrscht, ihr Gewalt antut und immer wieder droht, sich das Leben zu nehmen. Doch niemand erkennt darin ein Zeichen für die Gefahr, in der Liliana schwebt. Zu einer Chronik des angekündigten Todes werden bei Rivera Garza die letzten Monate der Schwester dadurch, dass sie sie mit dem berühmten Fragebogen der amerikanischen Krankenschwester Jacquelyn Campbell verwebt, mit dem die sich steigernde Gefahr häuslicher Gewalt abgeschätzt werden kann. Frauen werden nicht im Affekt getötet, in einem plötzlichen Aufwallen der Leidenschaft, sondern in einem Akt brutaler Gewalt, die sich kontinuierlich steigert und mit Erpressung, Bedrohung und Isolierung einhergeht. Es gibt einen klar erkennbaren, wiederkehrenden Zeitablauf. Auch wer mit dem Begriff des Femizids nicht ganz einverstanden ist - demzufolge Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind -, wird froh sein, dass Beziehungsgewalt nicht mehr als Liebesaffekt gedeutet wird, dass diese Gewalt erforscht und geahndet wird und Frauen an ihrer Ermordung nicht mehr selbst die Schuld gegeben wird. Ach hätte sie doch, ach wäre sie doch nicht...

Für "Lilianas unvergänglicher Sommer" wurde Cristina Rivera Garza 2024 in den USA mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Ihre intellektuellen Bezüge sind erkennbar amerikanisch. So wenig wie Roberto Bolaños Roman "2666" erwähnt sie Fernanda Melchors einschlägigen Roman "Saison der Wirbelstürme" von 2019, in dem die mexikanische Gewaltgesellschaft mit dem Horror des kolonialen Barocks verschmilzt. Ihre Anknüpfungspunkte finden sich in den Diskursen der Gegenwart, manchmal in seinen Schlagworten. Trotzdem: Wie sie ihre Schwester literarisch zum Leben wiedererweckt, wie sie gegen Scham, Schuld und Schweigen der Hinterbliebenen anschreibt, ist ausgesprochen bewegend. Die Hilflosigkeit der Eltern ist körperlich kaum auszuhalten. Dabei weist die Autorin den Weg aus der schuldbehafteten Einsamkeit: "So ist das Leben in Trauer: Man ist nie allein. Unsichtbar und doch eindeutig begleitet uns die Präsenz der Toten." Die Trauer zu verarbeiten heiße, ihre Präsenz anzuerkennen und willkommen zu heißen.

Noch wichtiger scheint ihr allerdings die Frage der Freiheit zu sein, die auch den mittlerweile achtzigjährigen Vater der beiden Schwestern beschäftigt. Die ihm gewidmeten Passagen berühren besonders: Hat er seiner Tochter zu viel Freiheit gelassen? Hätte er sie nicht allein nach Mexiko-Stadt gehen lassen sollen? Hätte er nicht mit seiner Frau allein nach Europa reisen dürfen? Antonio Rivera Peña, aufgeschlossen, liberal und durch und durch republikanisch gesinnt, hat seine beiden Töchter stets ermuntert, ihren eigenen Weg zu gehen: "Vergiss nicht, man muss sich anstrengen, um Gutes zu erreichen", schrieb er etwa seiner Tochter. Oder: "Mut bringt dich voran im Leben, Beharrlichkeit, starker Wille und Fleiß." Fast dreißig Jahre lebte er nach Lilianas Tod mit Schuldgefühlen, gegen die er aber dann doch aufbegehrte, wie ihn Rivera Garza zitiert: "Freiheit ist nicht das Problem. Das Problem sind die Männer."

Cristina Rivera Garza: Lilianas unvergänglicher Sommer. Aus dem Spanischen von Johanna Schwering. Klett-Cotta, Stuttgart 2025, 330 Seiten, 26 Euro (bestellen)