Annette Pehnt

Insel 34

Roman
Cover: Insel 34
Piper Verlag, München 2003
ISBN 9783492045728
Gebunden, 189 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

"Ich habe nie so getan, als ob ich die Insel kenne, und ich bin die einzige, die wirklich hinfahren wollte. Die Seekarten hatte ich mir schon gekauft, bevor ich Zanka überhaupt kannte." Zanka roch nach Vanille und Zigaretten, und er brachte ihrbei, wie man liebte. Aber auch Zanka konnte sie nicht davon abhalten, auf die Inseln vor der Küste zu fahren. Keine von ihnen trug einen Namen, sie waren numeriert. Und Insel Vierunddreißig war ihr Ziel, dorthin wollte sie, den Jungen mit den geraden Augenbrauen finden und herausbekommen, ob ihr Herz schneller schlug.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.10.2003

Man muss schon ein wenig Sinn fürs Verschrobene aufbringen, um an diesem Roman Freude zu haben, warnt Rezensent Wolfgang Schneider. Eine "abgründige Anmut" zeichne Anette Pehnts Prosa aus, schwärmt er, federleicht komme sie daher, "zierlich, aber nicht geziert". Es geht um ein auf allen Gebieten gleichermaßen begabtes Kind, von dem sich der Vater wünscht, dass es eine Passion bilde: Denn "die, die alles gleich gut können, die mag keiner", zitiert Schneider. Also konzentriert es sich eben auf Insel 34. "Warum auch nicht?", fragt der Rezensent ergeben. Was es mit dieser und den übrigen 33 Inseln auf sich hat, kann der Rezensent zwar nicht gänzlich erklären, aber ihre Sonderheiten, so viel wird klar, dürften recht anregend für das Kind sein. Auf geradezu "neobiedermeierliche Weise" sieht Rezensent hier romantische und realistische Elementen miteinander kombiniert, Versponnen-Verspieltes mit Nüchternem, und er lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihm das Buch bestens gefallen hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.10.2003

Die Lektüre des Buches hat Alex Rühle ratlos gemacht, wobei dies nicht als Manko verstanden werden muss. Doch schwankt Rühle in seiner Faszination zwischen den Etiketten: "Bildungsroman", "psychologische Tochter-Vater-Geschichte" oder doch einfach ein "stiller Gegenentwurf zur hysterischen Vergnüglichkeit unserer Zeit". Begeistert hat ihn vor allem Annette Pehnts Sprache, die von einem "angenehm ruhigen Parlando" durchzogen werde, das laut Rühle so gut zu der Protagonistin passt. Eine Einzelgängerin ist das, die er hier beschreibt. Irgendwie perfekt und "still störrisch" flüchte die sich in die Welt der "Insel 34", die zu ihrer einzigen Leidenschaft werde. Laut Rühle zieht an diesem eigenartigen Mädchen die Pubertät ebenso vorbei, wie ihre sonstige Umwelt - so erledige sie zum Beispiel Sexualität "wie Mathe-Hausaufgaben", wodurch das dann "bizarr wie das Treiben von Insekten" gerate, "die Körper schaben sinnlos aneinander rum". Dazwischen tauche immer wieder die Sehnsucht nach den Inseln auf, die laut Rezensent einen "riesigen Assoziationsraum" bieten, der aber dank der "sinnlich genauen Beschreibungen" sehr eindrucksvoll geraten sei und an Kafka erinnerten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.10.2003

Thomas Kraft ist begeistert vom "subtilen Humor" und der "erzählerischen Ökonomie" dieses Romans. Die Hauptfigur ist eine überangepasste Musterschülerin, die von einer Passion für eine unerforschte Inselgruppe erfasst wird, lesen wir. Die Ich-Erzählerin beginnt deren Sprache und die Gebräuche zu studieren, lernt schließlich sogar das auf den Inseln gepflegte Sackpfeifenspiel und begibt sich auf eine Reise dorthin, deren Ziel die fernste der Inselgruppe, die "Insel 34" ist, informiert der Rezensent. Handlung und Charaktere werden nur in Andeutungen geschildert, und das in einer "auffallend schmucklosen Sprache", die in den überwiegenden Fällen auf bildhafte Motive verzichtet, vermerkt Kraft. Er schätzt die "sanfte Lakonie" der Erzählweise und empfindet es als "Vorteil" dieses Buches, dass die skurrile Inselwelt nicht in "epischer Breite" ausgeführt wird. Denn die wenigen Andeutungen der Ich-Erzählerin genügen vollkommen, um eine stockende, faszinierende "Selbstwerdung" der Hauptfigur beobachten zu können, so der hingerissene Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.10.2003

Weit davon entfernt, Annette Pehnt das Talent abzusprechen, hat Gisa Funk doch einiges an diesem neuen Roman zu bemängeln. Das Konzept dieses Romans, das dem des Erstlingswerkes "Ich muss los" nicht unähnlich sei, findet ihr Wohlwollen: eine Lebensplanung des jeweiligen Protagonisten, die ein Gegenentwurf zu dem ist, was man landläufig als Erfolgskonzept und Karriere bewertet. Der Roman sei "eine Apologie auf den Eigensinn und die Macht der Fantasie" und zudem stellenweise sehr amüsant zu lesen. Stellenweise, wohlgemerkt, denn häufig wirkten die Formulierungen forciert, und die Autorin verliere sich in unnötigen Längen. Die Rezensentin diagnostiziert dementsprechend "fehlenden Mut zu Kürze und Prägnanz".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2003

Mit ihrem zweiten Buch hat Annette Pehnt nach Ansicht von Rezensent Joachim Kalka ein "makelloses kleines Werk" verfasst. Der Rezensent sieht die Autorin sich dem unerschöpflichen Zauber der Banalität hingeben und mit traumwandlerisch sicherer Sprache demonstrieren, dass dieser Roman "keine Plausibilität braucht", sondern nur eine Richtung. Den Titel des Romans deutet Kalka "als Chiffre für das Verlangen, den Traum, die Leidenschaft" und den Extremismus des Träumens. Die Geschichte der 34 Inseln, deren letzte zum Sehnsuchtsort wird, sieht er ganz harmlos im Erdkundeunterricht beginnen und sich als diffuse Faszination verfestigen. Eigentlich seien die Inseln langweilig, aber das sei sehr kunstvoll (und offensichtlich kein bisschen langweilig) beschrieben. In der 34. Insel erkennt Kalka "zwangsläufig" das Nichts, die Expedition endet bei Insel 33, lesen wir. Die anderen Inseln haben für ihn etwas magisch Triviales, den leicht gespenstischen Reiz Kabakovscher Installationen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.09.2003

Andreas Nentwich ist von diesem Roman enttäuscht. Nachdem ihn das Debüt der Autorin durch die "unverwechselbare Sprachmusik" begeistert hat, sieht er diesen Roman, in dem eine Ich-Erzählerin eine seltsame Passion für eine namenlose friesische Insel ergreift, als "gescheitert" an. Hat den Rezensenten der Anfang des Buches in seinem "flirrenden Beginn" durchaus noch neugierig gemacht, stört ihn im weiteren Verlauf die "fehlende Motivation" der Handlung. Zudem wirken auf Nentwich Erzählhaltung und stilistische Knappheit, die sich auf Einzelheiten und Momentaufnahmen konzentrieren, zunehmend "kapriziös, geheimnistuerisch und unernst", zuweilen gar unfreiwillig komisch. Die Protagonisten der Geschichte verurteilt er als "Sphinxen ohne Geheimnis" und das "sanft Absonderliche" der Schilderungen kippt für ihn ins "grob Verquere". Vor allem wird die Leidenschaft der Ich-Erzählerin für die "Insel 34" nicht wirklich verständlich, sie "übersetzt sich nicht", kritisiert der Rezensent, für den die skurrilen Details der Inselwelt ins Beliebige führen. Der Roman wurde "nicht bewältigt, ja kaum ernsthaft angegangen", meint Nentwich streng, und er hofft, dass Pehnt im nächsten Buch aus dem "schönen Garten ihrer Sprache" heraustritt und zeigt, was sie "will und kann".
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