Wie lässt sich in einer modernen, hochindividualisierten Gesellschaft das Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach einem "Wir" erfüllen, ohne die individuelle Autonomie aufgeben zu müssen? Angesichts eines globalen Vergesellschaftungsprozesses sind heute selbst Nationen als vorgestellte Gemeinschaften kaum mehr in der Lage, eine kollektive Identität zu generieren. Hat der Soziologie Ferdinand Tönnies (1855-1936) also recht, wenn er eine Erosion gemeinschaftlicher Lebensformen für eine unvermeidliche Begleiterscheinung gesellschaftlicher Modernisierung hält, oder wäre ein Entwicklungsverlauf denkbar, der einer modernen Gesellschaft eine moderne Gemeinschaft an die Seite stellte?
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.08.2004
Über Goethes Wilhelm-Meister-Romane sei schon viel geschrieben worden, so Eckehart Krippendorf, der sich wundert, dass es immer noch möglich ist, diesbezüglich neue Einsichten zu gewinnen. Doch Arne Eppers ist dieses Kunststück gelungen, lobt Krippendorf, indem er die soziologische Theorie von Ferdinand Tönnies seiner Interpretation zu Grunde legte. Überhaupt sei Tönnies mehr zitiert als wahrhaft gelesen, merkt Krippendorf an und bezeichnet Eppers' Ansatz als fruchtbar. Der Autor wende Tönnies' Kategorien wie "Gesellschaft" und "Gemeinschaft" nutzbringend für die Entschlüsselung dieses "gesellschaftsgesättigten" Werkes an und komme zu äußerst differenzierten Einsichten, erwärmt sich Krippendorf weiter für diese germanistische Dissertation, die weit über den Roman hinaus das politische Denken Goethes und seine Kritik der Moderne ins Visier nähme.
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