Der Vormoderne war die Religion selbstverständlich. Je nach Kulturstand hatte sie verschiedene Formen und Gestaltungen. Kennzeichnend für die mittelalterliche Frömmigkeit ist, dass die Buchreligion Christentum in eine orale Gesellschaft vordrang und diese umgestaltete: Schreiben und Lesen, Philosophie und Theologie entwickelten sich. Die Religionspraxis bildete dabei vielerlei Spielarten aus: Reliquien-Verehrung, Blutkulte, Stiftungswesen, Ablass, Passionsfrömmigkeit - insgesamt ein Gemisch, das nicht immer als genuin christlich gelten kann. Eben in dieser Vermengung von vielerlei Elementen liegt die Spannung; zum Ende des Mittelalters erwächst eine geradezu explosive Mischung. Dies ansichtig zu machen gelingt - entgegen der Vorgehensweise der älteren Forschung, die allzu oft konfessionell und national urteilt - erst aus einer religions- und sozialgeschichtlichen Perspektive, der sich Arnold Angenendt vorzugsweise widmet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2003
Dieses Buch, erfahren wir zunächst von Rezensent Michael Borgolte, ist Teil des auf einhundert Monografien angelegten Projekts "Enzyklopädie Deutscher Geschichte", das Lothar Gall vor anderthalb Jahrzehnten mit dem Oldenbourg Verlag begründete. "Nur wenige Verfasser", lobt der Rezensent dann, die an den ersten vierzehn Mittelalter-Bänden mitgearbeitet haben, hätten "ihre Aufgabe so ernst genommen" wie der Autor dieses Bandes, der Münsteraner Kirchenhistoriker Arnold Angenendt. Der Wert des Buches, findet Borgolte, beruhe allerdings "weniger auf einer gesamtgeschichtlichen Durchdringung" des Frömmigkeits-Themas als auf der "anschaulichen Präsentation vielgestaltigen Materials" und der "Aufmerksamkeit des Autors für neue Fragestellungen der Nachbardisziplinen". Außerdem, bemängelt der Rezensent, lasse Angenendt "die gesamte Epoche" wohl "archaischer erscheinen, als sie war." Und dies hängt, Borgolte zufolge, wiederum mit dem Interesse des Autors für die Fragestellungen anderer Disziplinen zusammen sowie der für Angenendts Geschichtsauffassung zentralen These vom Menschen als eines "rituellen Wesens". Vor diesem Hintergrund erweise Angenendt dann nämlich vor allem, dass die meisten christlichen "Bräuche" im Mittelalter entweder ohnehin nur transformierte vorchristliche Rituale darstellten oder von diesen doch wenigstens noch erheblich überlagert wurden. Trotzdem, lobt der Rezensent, sei dieses Buch gerade hier auch "am aufregendsten".
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