Norbert Gstrein

Im ersten Licht

Roman
Cover: Im ersten Licht
Carl Hanser Verlag, München 2026
ISBN 9783446282971
Gebunden, 416 Seiten, 27,00 EUR

Klappentext

Zwei Weltkriege, ein Jahrhundert: ein eigenwilliges Leben voller Schönheit, Tragik und Widersprüche. Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes Leben zerbrechlich in diesem Roman, der mit einem Axthieb beginnt: Adrians Vater macht ihn als Jugendlichen untauglich für den Ersten Weltkrieg, rettet ihn so vielleicht. Der störrische, zärtliche Mensch, der von da an durch über achtzig Lebensjahre hinkt, ist das Wunder dieses Erzählens. Adrian sieht zweimal seine Welt untergehen, hat zweimal mit jungen Männern zu tun, die weniger Glück hatten als er, und erlebt im Alter die unverhoffte Liebesgeschichte eines Mannes, der zu allem erzogen wurde, bloß nicht zum Lieben. Wie leben im Schatten der Kriege und des Tötens? 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.03.2026

Tief beeindruckt ist Rezensent Thomas Steinfeld von diesem großen Roman Norbert Gstreins. Im Zentrum steht ein Mann namens Adrian Reiter, der von seinem Vater verstümmelt wird und deshalb die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts nicht auf dem Schlachtfeld erlebt. Der erste Teil des Buches spielt um 1920 und dreht sich um Kriegsversehrte, die sich in einer Villa nahe Salzburg versammeln, der zweite um einen Schüler Reiters, der sich in den 1930er und 1940er Jahren zum Militaristen, später jedoch zum Kriegsgegner entwickelt, der abschließende dritte Teil schließlich erzählt eine sonderbare Liebesgeschichte zwischen Reiter und einer Engländerin. Reiters 1917 verstorbener Bruder spielt ebenfalls eine wichtige Rolle in der Geschichte, in der es überhaupt vor Geistern nur so wimmelt. Reiter selbst ist laut Kritiker indes "ein Phantom des Weitermachens" - und eine der "schrecklichsten Gestalten" der jüngeren Literatur. Dass Gstrein dennoch die Moral in seinem Buch außen vor lässt, findet der Kritiker richtig. Insgesamt, schließt die Besprechung, legt der Autor ein "ebenso großartiges wie quälend wahrhaftiges Buch" vor, das am Ende noch mit einer selbstreflexiven Wendung aufwartet.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.03.2026

Rezensent Fokke Joel ahnt schon künftige Fragen über Schuld und Verantwortung an heutige Zeitgenossen beim Lesen von Norbert Gstreins neuem Roman. Der einfache Held darin begeistert sich für das Militär der k.u.k. Monarchie und ist daher wahrscheinlich kein Sympathieträger, wie Joel glaubt. Dass der Leser dennoch Interesse an der Figur entwickelt, liegt laut Joel an der Spannung, die Gstrein mittels Andeutungen und Erwartungen über den Fortgang der Geschichte weckt. Wenn der  Protagonist als Lehrer seine Kriegsbegeisterung weitergibt, rückt die Frage der Verantwortung in den Blick, eine beunruhigende Erfahrung, findet der Rezensent. 

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 07.03.2026

Norbert Gstreins neuer Roman ist trotz des historischen Themas erschreckend aktuell, hält der Kritiker Richard Kämmerlings fest: Sein Protagonist Adrian Reiter ist Geschichtslehrer, seine Geschichte teilt sich in drei Teile. Im ersten wird er von seinem Vater mit einer Axt verletzt, um dem Einzug in den Ersten Weltkrieg zu entgehen und trifft später in einer Seevilla auf eine Gruppe junger Invalider, die sich später fast alle das Leben nehmen, lesen wir. Im zweiten Teil verführt Reiter einen seiner Schüler, sich freiwillig als Soldat zu melden: er wird Kriegsverbrechen begehen. Für Kämmerlings zeigt Gstrein hier, wie aus der blutigen Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts immer wieder neue Gewalt entsteht. Auch im letzten Part spielt der Krieg als nicht verarbeitetes Trauma für Reiter und Vivian, die er in England kennenlernt, eine bedeutende Rolle. Der Rezensent lobt Gstreins Fähigkeit so viel Stoff auf vergleichsweise wenig Raum unterzubringen und Fragen von Gewalt, Identität, Radikalisierung und Verstrickung mit ihrem historischen Bezug so aktuell zu verhandeln.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.02.2026

Ein äußerst bedeutendes und sprachlich eindrucksvolles Werk ist dieser Roman für den Rezensenten Christoph Schröder. Gstrein schildere darin das Leben des Lehrers Adrian Reiter - vom kriegsuntauglichen Jugendlichen im Ersten Weltkrieg bis zum alten Mann 1988 - ein stiller Zeugen der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Der Roman zeigt jedoch auch, wie Adrian durch Passivität und Wegschauen mitschuldig wird, so Schröder, ohne je offen Täter zu sein. Besonders hebt der Rezensent die kunstvolle, dennoch klare Sprache und die dichte Verknüpfung von Motiven wie Kriegsschuld, Morgenhinrichtungen und England-Sehnsucht hervor. Für ihn ist der Roman am Ende weniger historischer Stoff als ein faszinierender Gegenwartsroman.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.02.2026

Rezensent Paul Jandl schätzt sie sehr, die Romane von Norbert Gstrein, die "menschlich-philosophische Widersprüche" anhand von großen Themen wie Krieg verhandeln, dabei brüchige Biografien und biografische Täuschungen zulassen und stets "subtile Pointen" einbauen. Und der neuste Roman verbindet all diese Kniffe aufs Vorbildlichste, findet Jandl. Erzählt wird hier zunächst die Geschichte von Adrian Reiter, der per Axt von seinem Vater für den Ersten Weltkrieg untauglich geschlagen, dennoch zum Kriegsexperten wird, in den 1920er auf all die Kriegsversehrten seiner Alterskohorte trifft - und 1935, inzwischen Lehrer in Salzburg, mit dem jungen Martin Baumgartner einen Adepten findet, der dann bald für die Nazis in den Krieg zieht. In das Leben jenes Baumgartners, dem der zweite Teil des Romans gewidmet ist, schleicht sich Reiter mit "nüchterner Brutalität", bei all dessen Gräuelttaten schaut er gern weg, resümiert Jandl. Gstrein macht aus Reiter, dieser Randfigur, ein "Chamäleon der Zeiten", das durch Wegschauen und Anpassung schuldig wird, während Motive wie Gesichter, Biografien und Täuschungen ein labyrinthisches Spiel erzeugen, lobt Jandl, der besonders die subtile Spannung, die philosophische Tiefe und den raffinierten Schluss um 1988 mit Waldheim-Bezug hervorhebt. Ein Meisterstück, versichert der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.02.2026

Rezensentin Judith von Sternburg lobt Norbert Gstreins "Im ersten Licht" als elegant erzählten, sehr eindringlichen Roman über Krieg und stilles Mitläufertum. Der 1901 geborene Adrian Reiter wird durch einen Axthieb des Vaters kriegsuntauglich gemacht und begegnet später mehrfach traumatisierten Frontsoldaten, während er selbst nie gekämpft hat. Für Sternburg ist Adrian ein höflicher, unauffälliger Randfigur-Held, der "nichts gemacht" hat, dessen Schweigen, Ausweichen und Kriegsfaszination ihn aber moralisch belastet. Besonders hebt die Rezensentin hervor, dass Gstrein ohne Pathos, ohne Anklageschrift und ohne Entschuldigung schreibt und gerade durch die leise, elegante Erzählweise die Schuldfrage, die Nachwirkungen der Kriege und die gefährliche Rolle des passiven Beobachters scharf hervortreten lässt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.02.2026

Rezensent Andreas Platthaus applaudiert dem neuen Roman von Norbert Gstrein; er besteht für ihn sogar den Vergleich mit dem für Platthaus bisher "unvergleichlichen" Arno-Geiger-Roman "Unter der Drachenwand". Auch Gstrein erzählt von den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf Österreich; es geht um einen augenscheinlich "davongekommenen", durch einen Axthieb des Vaters kriegsuntauglich gemachten Mann, der Lehrer wird, heiratet, aber von Schuldgefühlen begleitet wird. "Mitreißend" findet der Kritiker, wie Gstrein seine Hauptfigur "durchs Leben und in die Liebe hinken" lässt, ihn dabei als Beobachter von außen zeichnet, der die Isolation der in seinem Heimatort untergebrachten Kriegsheimkehrer bezeugt. Besonders angetan war der Kritiker davon, wie die zerklüftete österreichische Berglandschaft zum Abbild der zerklüfteten Gesichter der Veteranen wird. Nur im Zweiten Teil zu "Auf- und Abzug des Faschismus" falle der Roman leicht ab; im dritten Teil gehe es dann aber zurück aufs Anfangsniveau und dabei in die 80er Jahre und nach England. Insgesamt würdigt er den Roman als formal sorgfältig gebautes, motivreiches Werk, das die Frage nach Schuld, Davonkommen und spätem Neuanfang eindringlich stellt. Insgesamt ein glücklicher Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 13.02.2026

Dieser Roman ist ein neuer Meilenstein der Antikriegsliteratur und überhaupt das "Buch der Stunde", lobt begeistert Rezensent Jan Drees. Adrian Reiter, 1901 geboren, ist kriegsuntauglich, schwärmt aber vom Krieg, den er nur aus Büchern, Zahlen und Erzählungen kennt, und prägt damit andere, etwa einen späteren Soldaten, lesen wir. Laut Drees zeigt der Roman, wie aus Nicht-Erfahrung eine gefährliche Kriegsverherrlichung, eine Fixierung auf Gewalt und ein missverstandener Heroismus entstehen, die bis in die Gegenwart wirken. Der Kritiker lobt in seiner sehr ausführlichen Rezension Gstreins Erzählkunst, die historische Stoffe, Kriegserfahrungen und Reflexionen über Erzählen und Erinnerung zu einem vielschichtigen, formal souveränen Roman über Schuld, Deutung und spätes Erkennen verbindet. Alles zusammen hat eine "narrative Wucht", die Drees an die besten deutschen Historienromane erinnert, was nicht zuletzt auch an der Drastik des Romans liegt, "die konterkariert wird durch sehr lange Satzbögen, die selbst dem Zerbrechenden einen fahlen Anschein von Ganzheit geben", so der bewundernde Rezensent.

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