Aus dem Englischen von Martin Hartmann. Wie aktuell ist die Antike? Können wir Modernen von Homer etwas lernen und können wir mit Hilfe der antiken Tragödien einige tiefsitzende Missverständnisse unserer Zeit von uns abschütteln? In dieser Studie antwortet der britische Philosoph Bernard Williams auf diese Fragen, indem er insbesondere die antike Literatur von einseitigen modernen Deutungen befreit. Als Gegner dient dabei die Behauptung, erst die Aufklärung hätte moralischen Fortschritt möglich gemacht. Williams weist nach, dass schon die Helden Homers in der Lage waren, selbständige Entscheidungen zu fällen und für ihre Fehler Verantwortung zu übernehmen. Außerdem kann er zeigen, dass die Zwänge und Notwendigkeiten, denen sich die Figuren der großen griechischen Tragödien ausgesetzt sahen, in verwandelter Form auch noch unser heutiges Leben prägen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.03.2001
Ausführlich ist die Rezension von Uwe Justus Wenzel, und er versucht zunächst einmal Williams` Argumentation darzulegen: Alle Illusion über das im Vergleich zur Antike höher entwickelte Moralbewusstsein der Moderne sucht der analytische Philosoph Bernard Williams demnach mit ausführlichen Hinweisen auf den abgeklärten Umgang der vorsokratischen Antike mit dem Unerklärbaren zu zerstören. Er räumt dazu Missverständnisse aus, etwa das von Bruno Snell in die Welt gesetzte von der Unfähigkeit des antiken Menschen zur bewussten, eigenständigen Entscheidung. Gerade der Verzicht auf eine Letzterklärung der Motivation menschlichen Handelns, für den, so Williams, die (selbst oft genug ratlosen) Götter stehen, spricht, wie Wenzel unterstreicht, für "Realismus" und "Lebensdienlichkeit" der "griechischen Weltsicht". Allzu durchrationalisiertes Insistieren auf letzten Intentionen, das unsere "Sehnsucht nach einer grundlegend ethisierten Psychologie" (Williams) ausmacht, müsse, konsequent zu Ende gedacht, "im Treibsand eines alltäglichen und völlig gerechtfertigten Skeptizismus" versinken. Rehabilitiert wird auch die "Schamkultur" der Antike, die der Schuldzentriertheit der Moderne gegenüber den Vorteil habe, "die Wirklichkeit der handelnden Person" zu erschließen. Aus Wenzels Rezension spricht viel Sympathie für die Überlegungen von Bernard Williams - weniger begeistert ist er von der deutschen Ausgabe: Die winzige Schrift empfindet er als "Augenpulver" und der Untertitel des Buches ("Eine Wiederbelebung antiker Begriffe der Moral") sei schlicht irreführend - denn um eine Wiederbelebung gehe es gerade nicht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 03.02.2001
Eine vernichtende Besprechung - im Grunde genommen. Aber Herlinde Pauer-Studer verschmäht es gelassen, dem Autor den Gnadenstoß zu geben. Stattdessen fällt ihr gegen Ende noch allerhand Lobenswertes ein: Der "analytisch-punktuelle Blick" des Autors auf die griechische Literatur und das Tun ihrer Helden, oder der von dem Buch ausgehende Impuls, unsere Konzeptionen der Ethik und Moral einmal zu überprüfen. - Doch da hat die Rezensentin bereits recht ordentlich hingelangt und dem Autor nicht nur sein klischeebeladenes Bild vom Kantschen Subjektbegriff zurechtgerückt, sondern auch dessen "Interpretation der griechischen Helden als nachhaltige Gegenbeispiele zu den rationalitätsbetonten Konstruktionen moderner Moraltheorie" in Frage gestellt.
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