1975, kurz vor dem Tod des spanischen Diktators Franco, veröffentlichte eine gerade mal 27-jährige Mallorquinerin einen Erzählband, der in der katalanischsprachigen Welt umgehend zum Bestseller wurde. In ihren Geschichten machte Carme Riera die Strände Barcelonas und Mallorcas zum Schauplatz von unerfüllter Liebe, zehrender Sehnsucht und leidenschaftlichen Morden. Und wer genauer hinschaut, findet versteckt unter der Oberfläche der dramatischen Handlung gewagte Denkansätze, die Rieras oft unzuverlässige Erzählerinnen geschickt an Francos Zensurbestimmungen vorbeigeschmuggelt haben: Müssen Rieras tragische Heldinnen sich unweigerlich den Regeln des Patriarchats fügen? Wen dürfen sie lieben? Und welcher Ausweg bleibt ihnen, wenn ihr Aufbegehren gegen geltende Gesetze und Moralvorstellungen scheitert?
Rezensent Carsten Hueck kommt bei der Lektüre von Carme Rieras 1975 erschienener Erzählung ins Schwärmen. Die Autorin, und auch die Ich-Erzählerin der Geschichte, ist auf der Insel Mallorca geboren. Die katalanische Sprache war dort unter Franco verboten, erzählt der Kritiker, Riera schrieb trotzdem schon seit ihrer Kindheit Geschichten auf Katalanisch. Nicht nur deshalb durchweht ein revolutionärer Wind ihre Geschichten: Riera erzählt auch von einer Liebe zwischen zwei Frauen, damals ein Tabubruch, vor allem weil Erzählerin Marina die Schülerin von Maria ist: "Wir waren wie rebellische Engel", zitiert der Rezensent, der von dem Sound des Textes, der "Melancholie, Eros und die kraftvolle Schönheit des Meeres verbindet", hingerissen ist. Auf wenigen Seiten entfalten ihre Erzählungen große Kraft, findet Hueck. In der letzten Geschichte verfasst die nunmehr erwachsene Marina einen Brief an ihre ehemalige Geliebte, verrät der Kritiker, da wird es dann auch dramatisch, aber niemals kitschig. Ein reizvolles Spiel mit literarischen Verfahren der Postmoderne sieht Hueck hier ebenfalls gekonnt umgesetzt, all dies vor dem Hintergrund des Meeres als "Lebenselixier und Naturgewalt".
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