Aus dem Amerikanischen von Kevin Vennemann. Ende der 1990er-Jahre fliegt Chris Kraus, die Figur dieses Romans, nach Berlin, um ihren Film "Gravity & Grace" auf einem Festival zu zeigen. Nicht auf der Berlinale natürlich, die das Filmprojekt über Hoffnung, Verzweiflung und quasireligiöse Ekstase nicht annehmen wollte, sondern nur auf einem kleinen Festival, für das sich niemand interessiert. Chris ist gescheitert. In ihrem Liebesleben sowieso, jetzt noch in ihrer Kunst und bald sicher auch in ihrem Denken. Während das neue Jahrtausend vor der Tür steht, wartet sie auf E-Mails ihres SM-Partners, der gerade in Namibia einen Hollywoodfilm dreht. Hilfe suchend wendet sie sich erneut Simone Weils Klassiker "Schwerkraft und Gnade" zu, der sie vor Jahren zu ihrem gefloppten Film inspirierte. Chris versinkt immer mehr im Leben und Denken der französischen Philosophin. Ausgehend von deren Askesepraxis sieht sie in der Anorexie eine Möglichkeit, den eigenen verhassten, dysfunktionalen Körper ein für alle Mal zu verlassen. Durch die Auseinandersetzung mit Ulrike Meinhofs theoretischem Werk, Paul Theks Kunst und Aldous Huxleys Drogenerfahrungen gelingt es Chris, ihre Perspektive auf das eigene Scheitern und Sein zu verändern.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.10.2021
Rezensentin Miryam Schellbach hat einiges auszusetzen an Chris Kraus' "Aliens und Anorexie", das im Zuge des Erfolgs von "I love Dick" nun auch auf Deutsch vorliegt. Dass die strukturalistische Sprache "kühl und hochgeistig" daherkommt, dass sehr viel konzeptuell "gefickt, gefingert und gefistet" wird, geht für Schellbach offenbar in Ordnung, kennt sie ja bereits aus dem Vorgänger. Der Story um Chris, die als gescheiterte Filmemacherin Seelenverwandtschaften mit Simone Weil und Ulrike Meinhof imaginiert, kann die Kritikerin dann aber nicht mehr viel abgewinnen: Aus Meinhof macht sie eine "hyperintelligente Heilige", aus Weils Nahrungsverzicht eine bewusste "Dekonstruktion des Leibes", offenbar um eine Parallele zu ihrer eigenen chronischen Magen-Darm-Entzündung zu ziehen, vermutet Schellbach. Das ist der Kritikerin alles zu grob, zu viel "Selbstbespiegelung" und leider auch nicht besonders unterhaltsam.
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