Mit 7 Abbildungen und 54 Tafeln mit 85 teils farbigen Abbildungen. Körperlich oder geistig-seelisch beeinträchtigte Frauen, Männer und Kinder begegneten in der vormodernen Gesellschaft unterschiedlichen Deutungen und Reaktionen im Hinblick auf eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit des Körpers und der Sinne. Wie sich die Mitmenschen im Umgang mit jenen verhielten, die ihren Lebensunterhalt nicht durch eigene Arbeit sichern konnten bzw. auf Unterstützung und Pflege angewiesen waren, wurde von ökonomischen und sozialen Zwängen ebenso mitbestimmt wie von christlichen Normen und religiösen Vorstellungen, medizinischen Theorien, ästhetischen Idealen, von standesgebundenem Prestigedenken sowie von allgemeiner Leistungs- und Nutzenorientierung. Die Beiträge des Bandes erkunden aus geschichtswissenschaftlicher, medizin- und literaturgeschichtlicher, anthropologischer, archäologischer sowie kunstgeschichtlicher Sicht, wie Menschen in verschiedenen Bevölkerungsschichten, kulturellen Milieus und sozialen Netzen eigene oder fremde "Handicaps" bewältigten. Indem somit die Möglichkeiten und Grenzen von Solidarität ausgelotet werden, erscheint das gesellschaftliche Miteinander entgegen gängigen Mittelalterbildern in einigen Zügen geradezu als "modern".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2009
Rezensent Michael Borgolte, selbst Mittelalterhistoriker, hat diesen von Cordula Nolte herausgegebenen Sammelband über den debilen, den behinderten, kranken und versehrten Menschen im Mittelalter mit großem Gewinn gelesen. Und das liegt vor allem an Annette Kehnel und Gesine Jordan. Beiden Mediävistinnen gelingt es in seinen Augen überzeugend, das Verhältnis von Kranken und der Gesellschaft zu erfassen. Er bescheinigt Kehnel, ihre Analyse von Quellen "innovativ" mit anthropologischen, soziologischen und philosophischen Theorien zum Prozess der Zivilisation in Beziehung zu setzen und zu zeigen, dass der Mensch nach der christlichen Lehre ohnehin ein "Homo debilis", ein Mängelwesen war, "den Kranke und Behinderte bloß signifikant repräsentierten". Jordan wiederum zeigt ihm in ihrer Studie beispielhaft, dass ein König, der sich "in Krankheit bewährte", in den Augen der mittelalterlichen Gesellschaft sogar an Autorität gewinnen konnte. Beide Aufsätze korrigieren für Borgolte unser Bild vom Mittelalter, aus dem wir noch lernen könnten. "Denn", schließt Borgolte, "so hoch die Stärke auch im Mittelalter geschätzt wurde, hatte der Schwache und Behinderte doch in der damaligen Gesellschaft seinen Platz, weil er das Menschsein selbst darstellte."
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